Saarlouis-Fraulautern

Elend, WendeplatzDas Saarland mit seinem rustikalen Charme bietet auf jeder Tournee gastronomische Höhepunkte sonder Zahl - nicht umsonst nennt der Welsche noch heute den Saarländer Rucksackfranzos'. Im vorliegenden Fall behauptet nun die lokale Kulturortskraft, Saarlouis verzeichne bundesweit die grösste Pro-Kopf-Kneipendichte. Das hat man mir auch schon in Neunkirchen versichert, was auf heftige Rivalitäten im Saarland hindeutet. Sollten wir mal dringend intensiv drüber reden, nach Möglichkeit aber nicht jetzt. Absolutes Glanzlicht das Hotel: Keines der acht Zimmer ist wesentlich grösser als die Zelle irgendeiner JVA. Dafür aber bar jeden Echtholzmobiliars. Der Aschenbecher auf dem Nachttisch ist gut gefüllt. Das Bett zwar frisch bezogen, aber nicht unbedingt für mich, sondern einen meiner Vorgänger. Der Ausguss liegt fein säuberlich abgeschraubt im Waschbecken. Es gibt eine Gemeinschaftsdusche den Flur hinunter, am Ende eines interessant gestalteten Flures, an dessen Wände Einzelteile verschiedener Schränke gelehnt wurden. Die Tür zur Dusche ist nicht verschliessbar. Genaugenommen gibt es keine. Der Duschraum ist mit grünem Filzboden ausgelegt. Er quietscht unter den Schuhsohlen, denn er wird täglich begossen, da die Dusche nicht direkt über einen Vorhang verfügt. Die sanitäre Anlage selbst erweist sich als eine gigantische Petrischale voll wundersamer Keime, der Traum eines jeden Mikrobiologen.

Den Hotelblues ereilt jeden Handlungsreisenden, meist gerinnt er im Laufe der Zeit zu einer brüchigen Anekdote. Wie Robin Williams schon sagte: "Tragödie ist Komödie plus Zeit". Manchmal aber stockt einem doch der Atem. Dieses Haus ist eine Beleidigung seiner Zunft, kein Metier kenne ich besser, eine Woche lang hege ich denunziatorische Gedanken, greife endlich zum Hörer, lasse mich zum Gewerbeaufsichtsamt Saarlouis durchstellen, nenne meinen Namen, mein Anliegen: "Guten Tag, ich wollte Ihre Aufmerksamkeit gerne auf ein Hotel in Ihrem Zuständigkeitsbereich gelenkt haben…" Prompte Antwort: "Meine Se des Rössel in Fraulautere? Ei, des habbe mir ledschde Montag zugesperrt!"

(Petze!)

 

© Thomas C. Breuer: Stadt Land Blues. Maro-Verlag Augsburg. September 2000
12.1.2013 - 19:00