Den Baslern in ihre "Weltapotheke" geguckt.

Ein Gesicht wie Fernandel und ein Humor, bei dem nicht nur die Schweiz ihr Fett abkriegt: Thomas C. Breuer (Foto: Briner)
"Haben Sie Ihr Natel ausgeschaltet ?"
Der deutsche Schriftsteller und Kabarettist Thomas C. Breuer im Teufelhof
Zugegeben, der Witz mit dem rauhen Winter, der vor zwei Jahren die Basler dazu brachte, sogar die Bäume einpacken zu lassen - zugegeben, er ist nicht die Pointe aller Pointen, nicht der ultimative Superspass, gehört auch nicht zur Kategorie jener todsicheren "Brüller", die wir samstagabendlich im ComedyFree-FIow der Privatsender aufgetischt bekommen. Thomas C. Breuer führt in seinem persönlichen "Spassmanagement" eine deutlich feinere, dazu wohltuend selbstironische Klinge, und auch wenn der "Das musste ja kommen" - Effekt mitunter auch nicht fehlt: Breuer selbst ist ein Künstler der raffinierten Verpackung, ein Kabarettist der überraschenden Verdrehungen, der permanenten verbalen Neuordnung, der hintergründigen Assoziation und der subtilen Einkleidung des Alltäglichen in den mitunter entblößenden Mantel der Satire. Im Theater Teufelhof ist der aus Heidelberg stammende Kabarettist nur noch bis heute Abend zu Gast. Nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal, gehört doch die Schweiz seit zwei Jahrzehnten zu Breuers bevorzugten Destinationen - im Tourneeplan ebenso wie als Zielort seiner satirischen Pfeile, mit denen er als "fremder Fötzel" die "helvetischen Obsessionen" treffsicher ins Visier zu nehmen pflegt. Denn Breuer ist nicht nur deutscher Kabarettist, sondern auch Radiomacher, Kolumnist, Heidenreich-honorierter Schriftsteller und somit auch Kulturbotschafter seines Landes, und dies erst noch "erfolgreich im Ausland für das Goethe-Institut getestet"
Rinnsteine der Zivilisation
Breuers' Requisiten lassen sich an einer Hand abzählen und sind (nach eigener Aussage) ebenso willkürlich und bedeutungslos wie der Titel des aktuellen Programms "Haben Sie Ihr Natel ausgeschaltet ?". Statt Pappnasen und Glitzerhemd verwendet er alles, was unsere Kommunikations- und Lifestylegesellschaft an leeren Phrasen und absurden Werbesprüchen ("Coiffeur für Haare") liegen lässt. Er verpackt Politisches wie Kulturelles Banales wie Hochgeistiges, Trendiges wie Antiquiertes aus der Zeit, als "die erste Reihe bei meinen Vorstellungen noch konstant am Stricken war". Doch ob die Themen erst kürzlich durch die Feuilletons geisterten oder ob sie sich über Jahre in den Rinnsteinen der Zivilisation angesammelt haben: Breuer ist eine ebenso eloquente wie gründliche Wiederaufbereitungsmaschine, die dem Publikum einiges an geistiger Beweglichkeit abfordert.
Dass beim Blick über die Grenze auch manch eidgenössisches Klischee - die Sauberkeit, die Banken, das Feldschiessen, der "besessene Hang zum Verkleinern" - mit Genuss verbraten wird, nimmt man gern in Kauf, stellt doch der Künstler im selben Atemzug eine "Klischeebereinigungs-Task-Force" in Aussicht, und manch sprachummantelter Geistesblitz bleibt als Andeutung zur freien Verfügung im Raum stehen. Dabei kriegt natürlich nicht nur die Schweiz ihr Fett ab; rechtsdrehender Joghurt, Kampfhunde und Sprachfetzen aus dem "Dialogbiotop Bäckerei" sind gleichsam kontinentale Erscheinungen, die auch in der "Weltapotheke" Basel wohl bekannt sind.
Vermögensbildende Kunst
Geradezu verblüffend präzis sind denn auch Breuers Beschreibungen des Basler Alltags, erstaunlich ist sein Wissen über die hiesigen Verhältnisse. Die Schilderung seiner Eindrücke auf dem Weg vom Bahnhof zum "Teufelhof" sind ein literarischer Hochgenuss; seine trockene Vortragsweise und nicht zuletzt das hohe Tempo seiner zweistündigen Show machen das Programm zu einem sehenswerten Highlight, "tschuldigung", Höhepunkt der Saison. Denn mit Anglizismen wie "BreadFactory" steht Breuer ebenso auf Kriegsfuss wie mit "praktischen" Ärzten ("Gibt es auch unpraktische?") oder der Börsensprache. Letzteres aus der Angst, selbst eines Tages "friendly overgetaked" zu werden: Denn zur "vermögensbildenden Kunst" gehöre sein Business schließlich nicht. Doch zum Glück ist ja Breuers Vermögen groß genug, um auch ohne Vermögen zu bilden.
(Alexander Marzahn, Basler Zeitung vom Samstag, 25. November 2000 - Kultur aktuell.)