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Buchstabensuppe mit Biolek


Foto: Bärbel Wissert,Villingen

Sprachliche Kapriolen.

Thomas C. Breuer begeistert im Trommer Hof-Theater mit überaus delikatem Kabarett-Programm

Tromm. Wer nach dem Humor der Deutschen sucht, muss seine Lupe gemeinhin weit unterhalb der Knöchel ansetzen. Denn obwohl den Comedy-Helden der Nation die berühmt-berüchigte Gürtellinie längst an den Fersen haftet, buhlen private und mittlerweile auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten mit immer neuen Geschmacklosigkeiten um die Gunst des Publikums. Und das Volk lacht, was das Zwerchfell hergibt, klopft sich genüsslich die Schenkel wund, wenn Zaunkönigin Regina Zindler am Maschendraht vorgeführt wird und schadenfreut sich ohne Gewissensbisse beim Anblick eines Kleinkindes, das nach einem rasanten Slalom auf dem Dreirad unvermittelt von einem Baumstamm gebremst wird und gar so lustig von seinem Gefährt purzelt.

Wer bei derlei Stumpfsinn in hämisches Gelächter ausbricht, sollte um Thomas C. Breuer einen weiten Bogen schlagen. Seit 25 Jahren weigert sich der Heidelberger Autor und Kabarettist standhaft, die Intelligenz seines Publikums mit derart geistlosen Kalauern zu beleidigen. Mehr noch - wenn Breuer seine blitzgescheiten Gedanken- und Wortspiele über die Bühnenrampe schickt, sind die Zuhörer in höchstem Maße gefordert. So auch am Freitagabend im Trommer Hof-Theater, als er vor (leider nur) rund 30 Besuchern ein "Piranha Sushi" anrichtete, das auch anspruchsvollen Kabarett-Gourmets unverhohlene Bewunderung abnötigte. Denn Fertiggerichte und Tütensuppen - außer die mit den Buchstaben - haben in Breuers Küche nichts zu suchen.

Frei nach der Devise "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt", kredenzte er trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit - eine schmerzhafte Bänderdehnung fesselte den Paul Bocuse des Kabaretts an den Stuhl - ein Menü, an dem das Publikum mitunter schwer zu kauen hatte. Dabei fischte er weder Schröders Haare aus der Suppe, noch ließ er Kohl verkochen. Dass die Hauptdarsteller auf der politischen Bühne mittlerweile viel zu abgehangen und fade sind, um ihnen auch nur eine winzige Prise Salz zu gönnen, hat Breuer längst erkannt. Deshalb begibt er sich lieber in die Niederungen des Showbusiness, das weitaus delikatere Zutaten für den Einheitsbrei liefert, in dem die Befindlichkeiten der modernen Gesellschaft köcheln.

Spinatwachtel Verona liefert das Hors d'oeuvre. Mit brillanter Scharfzüngigkeit haut Breuer dabei jeden in die Pfanne, der seinen Kopf zu weit aus dem Kochtopf streckt. Angefangen bei Spinatwachtel Verona, deren "Blubb" lediglich als Hors d'oeuvre für einen überaus exotischen Gaumenschmaus dient, folgt er der Fährte Dieter Bohlens in "Naddels" Arme und an ihren kaffeebraunen Busen, der so sehr an ihren gestürzten "sexy" Schokoladenpudding erinnert, den sie in ihrem - man höre und staune - selbst verfassten Kochbuch anpreist. Zwischen "naschen" und "vernaschen" liegen eben nur drei Buchstaben und in der "Schürze liegt die Würze", sind die unumstößlichen Erkenntnisse, mit denen Thomas C. Breuer "Naddels" Lieblingsdessert das Sahnehäubchen aufsetzt.

Aber liebevoll plaziertes Dekor drauf oder drunter - ein schlichter Pudding ist und bleibt einfach hausbacken und krönt bestenfalls ein üppiges Mahl aus dem Elend der deutschen Küche. Und da kennt sich Breuer bestens aus, schließlich ist er in der Gastronomie aufgewachsen. Mit genussvollen Lauten untermalt, plaudert er die kleinen Geheimnisse um wandernde Salatblätter und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Toastbrotscheiben aus, schwelgt in Grau-, Schwarz- und Kommissbrot und schmiedet geschickt eine Assoziationskette zu italienischen Tafelfreuden, deren klangvolle Köstlichkeiten er in reinstem Kurpfälzisch rühmt. Aber so sehr auch das mediterrane Ambiente zum Verweilen verführt - Breuer hat sein Currypulver noch längst nicht verschossen, strebt weiter nach Höherem. Und in der Haute Cuisine wartet kein Geringerer als Alfred Biolek. Nur ihm gebührt ein "Piranha Sushi" à la Breuer. Mit trefflicher Mimik und schwelgerischen Vokabeln klatscht er dem Gourmetpapst des deutschen Fernsehens seine schuppige Beute aufs Buffet, die sich, um den letzten Lebensfunken kämpfend, prompt in Don Alfredos kleinem Finger verbeißt.

Aber weil Sushi trotz aller Europäisierungsversuche immer noch ins Spezialitätenkontor Japans gehört, treibt Thomas C. Breuer seine sprachlichen Kapriolen mit dem höchst werbewirksamen Redeschwall eines Japaners schließlich endgültig auf die Spitze. Gerade in diesen Szenen offenbart sich Breuers eigentliches Talent. Seine Pointen rammen nur selten die Nasen seiner unfreiwilligen Protagonisten. Vielmehr zielt er mit viel Sinn für Situations- und Sprachkomik auf deren Verneigung vor einem immer trivialer werdenden Zeitgeist. Alleine die Beschreibung reicht, um sein Publikum in brüllendes Gelächter ausbrechen zu lassen.

Bleibt zu hoffen, dass Thomas C. Breuers nächstes Gala-Menü im Odenwald mehr Gourmets anlockt, und dass Alfred Biolek ihn doch noch in seine Kochsendung einlädt - vielleicht zur gemeinsamen Zubereitung einer Buchstabensuppe, damit "Bio" auch in Zukunft noch seinen kleinen Finger beim Heben eines Weinglases so elegant wie eh und je abspreizen kann.

(Brigitte Bärenz, 10.Mai 2002, Darmstädter Echo)

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Aktualisiert am 09.09.2009