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Stadt Land Blues

Elke Heidenreich Buchtipp auf WDR 2 / Oktober 2000

Thomas C. Breuer Maro Verlag, 111 Seiten

WDR Hörer kennen Thomas C. Breuer, den baumlangen Menschen mit den rasanten Wortspielen- sie kennen ihn aus vielen Unterhaltungssendungen und aus vielen Büchern, und eigentlich kennt, schauen wir uns sein neuestes Buch an, ganz Deutschland Thomas C. Breuer. Wo der Mann nicht schon überall mit seinen schnellen Texten aufgetreten ist! In Lüneburg und Völklingen, in Bad Ems, Ingelheim und Lahnstein und sogar in Dinslaken ist er schon gewesen, und wundwaid ruft er aus: "Dahingeworfensein! Unbehaustheit! Einsamkeit!" Ja, Stadt Land Blues so heißt sein Buch mit grausigen Miniaturen über dieses Land, da, wo es am schönsten ist, wo es der reisende Kabarettist oder die reisende Autorin erleben- auch ich weiß, wovon er schreibt. Ach, diese herrlichen klebrigen Bistros im Interregio! Diese immer gleichen Fußgängerzonen! Oh dieser Dosenmais, einfach lässig so über den Salat gekippt! Herrlich, diese Presseleute, die erst mal nach dem Namen fragen, obwohl der doch eigentlich auf dem Plakat steht, schön auch die unten am Tisch festgezurrten Mikros, die einen nur in halb liegender Stellung lesen lassen, und nie zu unterschätzen die Gänge mit dem Veranstalter zum ortsansässigen Italiener hinterher, wo man zu griechischer Wandmalerei und mexikanischer Musik Cappuccino aus der Aufgusstüte kriegt. Alles an der unmittelbaren Grenze zum grenzenlosen Grauen. Aber wenn Thomas C. Breuer darüber schreibt, wenn er uns Deutschland aufblättert wie einen alten lappigen Salatkopf, in dem kein Herz ist, das hat schon was. Da kriecht der Blues durch jede Zeile und man muss trotzdem noch lachen und ist letztlich mit dem Dichter der Meinung: was sollen wir mit den Schokoladenseiten des Lebens, von denen kriegt man doch nur beschmierte Finger. Abgeklärt reist unser Alleinunterhalter durch Gegenden, die besser nie ein Mensch betreten hätte und in denen man, so spricht er düster, einen Steinmetz brauchte, um ein Lächeln ins Antlitz der Zuhörer zu meißeln. Ich sage nur: Arnsberg. Aber ihn kann nichts mehr erschüttern, nicht einmal Arnsberg, über das Breuer abschließend und endgültig schreibt: "Mache indes niemand den Fehler, die Sauerländer zu unterschätzen. Ein Volk, das in der Lage war, Heinrich Lübke und Friedrich Merz am Markt durchzusetzen, muss über ein erstaunliches Beharrungsvermögen verfügen." Thomas C. Breuers Komik ist immer auch melancholisch, und sein Zorn ist nie ganz grau, sondern zwinkert uns immer noch zu. Er ist ein begnadeter Beobachter kleiner Scheußlichkeiten, die den Lebensnerv zerfressen, und er macht Geschichten aus Geschichtchen. Er kennt sich übrigens auch draußen in der wirklich weiten Weit genug aus um zu wissen, dass ein Ort wie Völklingen eigentlich nach Alabama gehören würde, einem Staat, wo schon lange alles vor sich hinrostet. Wir begegnen in diesem Buch allem, was wir lieben - Lederblousons, Minibars, Tischabfalleimern, Brotboutiquen statt Bäckereien und Erlebnisfriseursalons, die sich "Cut and go" nennen, und wir dachten schon, wir müssten nach dem Haareschneiden für immer dableiben. "Dich will ich loben, Hässliches/ du hast so was Verlässliches!" dichtete schon Robert Gernhardt in den Achtzigern. Breuer setzt noch einen drauf. Seine kürzeste Bluesgeschichte ist die über Fulda. Sie lautet: "Fulda - null da." Nur noch eine letzte berechtigte Breuerfrage zum Schluss: warum gibt es in Andernach ein "Bistro de Paris", aber in Paris kein "Bistro d'Andernach?" Darüber wird noch nachzudenken sein.

Stadt Land Blues

Seit 1977 bereise ich (u.a.) gezielt die Bundesrepublik, denn neben der Schreiberei versuche ich mich in einem weiteren nicht anständigen Beruf: Ich wildere im Kabarettrevier. Kenne Strassen und Schienenstränge, Hotels und Privatunterkünfte, Brettlbühnen und Hallen. Aus der (nahezu) Vierteljahrhunderttournee sind Geschichten, Anmerkungen, Absurditäten und reichlich Blues in eine Sammlung einseitiger Betrachtungen geflossen: Stadt Land Blues heisst das 17. Buch, das im September 2000 (fast schon traditionsgemäss) im kleinen, aber feinen Augsburger Maro-Verlag erschienen ist. Endlich ist es da, hat auch lange genug gedauert!

Ich bin unentwegt unterwegs, ein Fahrtenschreiber - Stadt Land Blues soll aber weit mehr als einfältige Tourneememoiren mit Anekdötchen sonder Zahl: Nämlich die Momentaufnahme eines merkwürdigen Landes. Ich bin ja nicht so der Metropolenhecht, das heisst, ich tingele bevorzugt über die Dörfer: Schauplätze wie Waldkraiburg, Habichtswald, Schwenningen, Wendelstein, Eschweiler, Völklingen, Osnabrück, Sommerhausen, Prüm, Witten, Haßfurt, Bad Ems, Rostock oder Glauchau beweisen, dass Deutschland eigentlich ein "Neufundland" ist. Wurde hier nicht ohnehin der unfreiwillige Humor erfunden? Wer die Augen offen hält, kann unzählige Perlen am Wegesrand entdecken.Deutschland ist trotz strenger Statements wie "Spass muss sein" gar nicht mal so schlecht mit seinem Spassmanagement, selbst wenn der "Orden wider den tierischen Ernst" gelegentlich an Witzfiguren wie Edmund Stoiber vergeben wird.

Die Geschichten sind komisch bis eigenartig, noch merkwürdiger allerdings ist das das Land, das beschrieben wird. Der Blues, der durch die etwa 112 Seiten fegt, entpuppt sich als zügige Uptempo-Nummer: Trübsal wird hier nicht geblasen.

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Aktualisiert am 09.09.2009