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Sekt in der Wasserleitung

Elke Heidenreich Buchtipp für Radio Bremen

Roman, Maro Verlag 1996 164 Seiten, 24.-

Thomas C. Breuer ist ein baumlanger, schlaksiger Mensch aus Bad Ems, daselbst 1952 geboren (eher nicht - d.A.), seit 1977 als Kabarettist unterwegs. Er hat nie zu den ganz Großen gehört, aber immer zum festen Stamm begnadeter Wortschöpfer und Sprücheerfinder. Wir fragen uns bei Witzen oder Spontisprüchen ja so oft: wem fällt all so was bloß ein? Die Antwort könnte meistens lauten: Thomas C. Breuer. "Vater Staat bringt uns noch unter Mutter Erde"- das ist auch von ihm. Ich kenne ihn von sogenannten Kleinkunstbühnen und aus den Unterhaltungssendungen des Radios, und ich kenne ihn von einem ganzen Stapel Buchveröffentlichungen - sehr groteske, seltsame Dinge waren darunter, z.B. eine Reise durch Amerika, wo er in jedem Bundesstaat einen alten VW Käfer aufspürte und eine erfundene oder wahre Geschichte dazu schrieb. In diesem Käfer-Buch stand im ersten Kapitel zum allererstenmal etwas über diesen Breuer selbst zu lesen, noch versteckt hinter Witz und Ironie, aber plötzlich wußte man: auch die Komik dieses Spaßvogels ist aus Traurigkeit und Verletzungen entstanden - Jugend in Bad Ems bei Eltern, die mit dem Hotel und der Gaststätte, die sie führten, sehr viel mehr beschäftigt waren als mit diesem einsamen, lästigen Kind, das sich daraufhin lebenslang in Sprache und Phantasie flüchtete. Damals, bei "Küß mich, Käfer!" dachte ich: So möchte ich mehr von diesem Breuer lesen. Und jetzt kann ich das, und Sie können auch:

"Sekt in der Wasserleitung" heißt sein neuer Roman, der bei Maro erschienen ist und die wilden 70er in der Provinz beschreibt - das Lösen von den Eltern, die ersten Wohngemeinschaften, die unsäglich mißglückten erotischen Versuche an mehr oder weniger erfahrenen Mädels, das Musikschrammeln, denn, nicht wahr, man hatte ja den Blues, und der mußte auf den Bühnen von Trier und Koblenz rausgeschrien werden. Diese Gitarrenriffs! Diese langen klebrigen Haare, diese ausgestellten Hosen- halt, ist das nicht schon wieder da, Plateausohlen und Trevira 2000, unten breit? Klar, aber das Lebensgefühl ist nicht mehr das der 70er, "we haven't had this spirit here since 1969", singen die greisen Eagles auf ihrer Comeback Tour. Nein, damals mußte man nicht auf den Baumwollfeldern in Georgia arbeiten, um den Blues zu haben, ein Flaschenkeller in Bad Ems tat es auch, und protestiert werden mußte, fast gegen alles, O-Ton Breuer: "Wir hatten alle Hände voll zu tun, kein Obst aus Südafrika zu essen und auf Kernwaffen zu verzichten, aber zu mehr reichte die Zeit einfach nicht."

Er schildert mit Liebe, Witz und Wehmut die Könige desKleinstadtlamentos und was aus ihnen wurde, er beschreibt die kummervollen Liebestiefs und das unfaßliche Glück, als eines Tages aus der Wasserleitung Sekt fließt statt Wasser- Fehlschaltung in einer Kellerei - sollen wir das glauben? Wir wollen das glauben, weil Breuer diese ganze seltsame Zeit der 70er Jahre, als Woodstock schon vorbei war und Techno noch nicht da, so lebendig werden läßt. Er zieht auch ein Fazit:

"Unsere Generation," schreibt er, "steht nicht ganz mit leeren Händen da. Was uns geblieben ist? Von Woodstock die Drogengesetze, von Ulrike Meinhof die Rasterfahndung, von Flower Power Fleurop, von San Francisco ein Merianeft und von John Lennon eine JugendwohIfahrtsmarke. .."

Wer sich noch an diese Zeit erinnert und auch heute noch mit Pelikan- und nicht mit Gehafüller schreibt, wer nur John Lennon mochte aber niemals Paul McCartney und wer gern über Friedhöfe schlendert, weil man da so schön weinen kann, ohne daß es jemandem auffällt - der muß beim Autobahnstau oder in der chronisch verspäteten Bundesbahn in diesem Sommer dieses Buch lesen und zu seinem oder seiner Liebsten verträumt sagen: "Ach, weißt du noch?"

Thomas C. Breuer ist ein Wunder gelungen: ein deutscher Roman voller Witz, Pointen, Humor und doch mit leiser Melancholie. Nein, soooo schön war das alles gar nicht, damals, aber unsere Wunden haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind: immer noch Menschen, die alle Hände voll damit zu tun haben, auf Kernwaffen zu verzichten...

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Aktualisiert am 09.09.2009