Rottwhile Grand Central - quo vadis?
Ein Vierteljahr hat es gedauert, bis sich die Schockstarre gelöst hat: Am 9. März berichtete diese Zeitung, dass die Deutsche Bahn Eigentum in Rottweil veräußern möchte: den Bahnhof. Eigentümlich! Nur 76 von 240 Bahnhöfen zwischen Filbingen und St. Oettingen will man behalten Rottweil ist nicht dabei. Schade. Wo sonst kann man den Charme der 70er Jahre derart unverfälscht erleben wie in der Bahnhofshalle? Rottwhile Grand Central quo vadis?
Kein Kleinod, eher Großod abendländischer Baukunst, allein kraft seiner romanischen Fensterbögen. Trotz der dicken Mauern, und die braucht man unbedingt in der (k)ältesten Stadt Baden-Württembergs, ein kühner Entwurf, dabei von vornehmer Zurückhaltung, was den Stil anbelangt. Und dennoch funktionell. Nur Fahrkartenschalter, Fahrkartenautomat und der Wartesaal weisen darauf hin, dass es sich bei dieser Kathedrale des Schienenstrangs tatsächlich um ein Bahnhofsgebäude handelt. Und die Gepäckschließfächer. Die Bänke vielleicht noch. Okay, und die Uhr.
Dann aber schon muss man von der Kunst reden, vom Colorama bunt gekleideter oder besser: verkleideter Mardi-Gras-Figuren, eine Verbeugung vor dem Karneval von New Orleans, mit der man sich geschickt internationales Flair ins Haus geholt hat. Schon sind wir beim Shopping und Dining. Was wird aus dem schönsten Zeitungsladen der Republik, dieser Flaniermeile durch die Presselandschaft? Was wird aus der Lichtgestalt des deutschen Dienstleistungsgewerbes, dem Betreiber des Kiosks, dessen Charme bisher noch jeder erlegen ist?
Am Ende nistet sich noch einer dieser Selbstbedienungsbäcker ein, die sich überall breitmachen, ein Bread&Roll Factory Outlet Center, und es sieht aus wie überall. Was wird passieren? Wird ein neuer Besitzer das alt-ehrwürdige Gemäuer Bröckelchen um Bröckelchen abtragen, um es an anderer Stelle vielleicht in Tuttlingen wiederaufzubauen? Die Tuttlinger jedenfalls täten gut daran, ihren Bahnhof mit seiner schrecklichen Reichsarchitektur erbaut 1933 loszuwerden.
Sieht aus, als hätte Albert Speer einen schlechten Tag gehabt. Keinesfalls darf man das architektonische Gesamtensemble jetzt wieder: Rottweils aus dem Auge verlieren, der Gare Centrale, der für den Ankommenden auch das Portal zum Rottweiler Red Light District bildet, jene Amüsiermeile, die weit über die Grenzen der Bahnhofstraße hinaus bekannt geworden ist, die beiden Dromedare vor der Cinderella Oriental Oasis, das gehört einfach zusammen. Leider wurden die beiden Dromedare, die sich als Parodie auf die allgegenwärtigen rabenschwarzen Hundeplastiken begreifen, noch nicht so recht von der Bevölkerung angenommen, vielleicht tauscht man sie doch noch gegen kleine Eisbären aus. Wie so oft bleibt man in dieser Stadt weit unter den Möglichkeiten.
Gerade jetzt, wo Rottweil von den neuen Sieben-Achsern der Deutschen Bahn angesteuert wird und der Ringzug große Triumphe feiert, was seine Betreiber zu heroischen Kämpfen gegen Schwarzfahrer anspornt, sollte man den Bahnhof Rottweil lassen, wie er ist und was er ist: Nicht irgendein beliebiger Bahnhof, sondern der bedeutendste Verkehrsknotenpunkt zwischen Talhausen und Göllsdorf. Falls dies nicht möglich sein sollte, bleibt nur eines: ein Gleis hinauf in die Stadt zu verlegen und den Kapuziner zu einem Sackbahnhof auszubauen.
©Thomas C. Breuer Rottweil 2007, veröffentlicht in der NRWZ "Glosse" am 15.06.2007