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Freuden im kleinen

Ein Gespräch mit dem Heidelberger Kabarettisten und Erzähler Thomas C. Breuer

von Frank Schäfer

Thomas C. Breuers neues, immerhin schon 17. Druckwerk "Paradies, etc." ist ein Buch über Amerika, eins über Idole oder doch zumindest solche, die man gemeinhin dafür hält, und nicht zuletzt ein Buch über das Reisen.

F: Wie schon in deinem Erfolgsroman "Sekt in der Wasserleitung" sind diese fünfzehn Kurzgeschichten zumeist in der Provinz situiert. Die Provinz allerdings kann auch im Weissen Haus liegen, jedenfalls wenn dort Bess Truman das Regiment führt, Harrys bibel- und ziemlich handfestes Weib aus Missouri, das mal so nebenbei "Thanksgiving" erfindet, um der Truthahn züchtenden Verwandtschaft zu einem Auskommen zu verhelfen. Kurz, Provinz ist sowieso überall, zumindest potentiell. Und wenn ich das richtig deute, dann verbindet dich mit der Provinz so eine Art Hassliebe.

TCB: Aber eher Liebe als Hass, ich wohne z.B. völlig freiwillig dort. Ich bin soviel auf Achse, da brauche ich ein klar überschaubares Geläuf. In Amerika ist die Provinz noch mal anders, da kommen ganz andere Dimensionen auf einen zu, das ist ja auch das, was den beengten Mitteleuropäer fasziniert: dieser Platz. Schlimm ist allerdings die geistige Enge, man betrachte sich nur den Zulauf der fundamentalistischen Kirchen in den USA. Da müsste man schon genau hingucken, wo man hingeht: Asheville NC z.B. oder Santa Cruz CA oder Bisbee AZ oder Missoula MT; es sind oft die Collegetowns, die eine gewisse Anbindung an das Weltgeschehen haben. Ich studiere oft in amerikanischen Buchhandlungen Klappentexte und versuche herauszufinden, wo Schriftsteller wohnen. Die haben oft einen ähnlichen Geschmack wie ich, auf diese Weise bin ich z.B. nach Missoula gekommen, ein wunderbarer Ort in den Rockies.

F: Du hast ja eine Zeit in den USA gelebt, kennst also Land und Leute, und das merkt man diesen Geschichten an. Sie sind wirklichkeitssatt, detailreich, Du legst viel Wert auf die Beschreibung von Interieurs, von Landschaften. Man hat den Eindruck, es würde jeder Strassenname stimmen. In einigen Erzählungen streifst du ja die Reportage, ist der Plot eher dünn, dafür die Atmosphäre umso suggestiver, etwa in "Swampwatch", wo du einen Renn-Armadillos züchtenden Hinterwäldler schilderst, der das Erbe des unbekannten, aber genialen Blues-Songwriters LaVern Tradieux verwaltet. Das klingt so, als würde es stimmen, aber trotzdem traut man dir nicht über den Weg, dagegen sprechen nämlich die explizit satirischen Texte wie die hübsche Halluzination Harald Juhnkes, der sich in "Franks Welt", also Sinatras, hineinträumt.

TCB: Also gelebt habe ich nie in den USA, wohl aber viel Zeit zugebracht, weit über ein Jahr insgesamt, vor allem Nordwesten, Südwesten; jetzt gerade entdecke ich den Süden. Über 50 Auftritte in USA & Kanada, viele Reisen in alle 50 Staaten, in letzter Zeit bevorzugt mit Greyhound und Amtrak, um was vom Land mitzukriegen.

Das Misstrauen ist berechtigt, denn fast alle Geschichten sind erfunden. Wenn ich reise, habe ich immer mein Notizbuch bei mir. Manchmal sind das richtige location-tours. Manchmal genügt auch ein Bild als Auslöser für eine Geschichte, z.B. Margret Trumans Waschsalon in Key West war die Initialzündung für die Truman-Geschichte. Nein, es stimmt nichts ausser dem autobiografischen Opener über meine erste LP sowie die Marotten, Manien und Obsessionen von Prominenten in "Idole. Idyllen". Ich finde es recht unterhaltsam, Realität und Fiktion zu verquirlen, ich habe das immer so gehalten, damit der Leser was zum Rätseln hat. Es ist in jedem Fall natürlich die Realität, die meine Phantasie beflügelt.

F: Du bist ja im Brotberuf Kabarettist, gelegentlich schlägt das auch in den Stories zu Buche, das heisst, du erzählst durchaus pointenreich, machst auch schon mal einen Wortwitz, aber alles in allem überwiegt doch so eine melancholische, ja, Blues-Stimmung (in den anderen Publikationen, die ich kenne, übrigens auch, "Stadt Land Blues" kündigt das ja sogar im Titel an).

TCB: Melancholie macht diesen Beruf erst möglich, sollte man auch nicht verwechseln mit Depression oder ähnlich schrecklichen Dingen. Melancholie macht sensibel, denke ich. Mit dem Witz habe ich mir längere Zeit unangenehme Themen vom Hals halten können, irgendwann funktioniert das nicht mehr so richtig, dann muss man sich damit auseinandersetzen. Witze schaffen Distanz, auch das klappt mit fortschreitendem Alter immer schlechter. Ab und zu braucht man auch mal ein paar Antworten. Das macht mir beim Kabarett Schwierigkeiten: Es greift eigentlich zu kurz, verharrt auf denselben Positionen, man beschäftigt sich intensiv mit Alltagsgiften und hat selber irgendwann genügend im eigenen Körper. Ein gesunder Beruf scheint mir das nicht zu sein. Man ist fixiert auf Abgründe, Nickligkeiten, Lügen, Probleme, kitzelt aus allem das Negative raus. Das muss zwar sein, geht mir persönlich immer häufiger auf die Nerven.

F: Der Klappentext stellt die Frage, aber lässt sie dann unbeanwortet, warum in den Storys "immer wieder Motive wie Chili, Gürteltiere oder Maxwell House Coffee vorkommen". Ich tippe mal, weil es Dir vor allem um das Alltagsleben geht, und die Dinge dir nicht weniger wichtig sind, weil sie alltäglich vorkommen.

TCB: Ich dachte, die lassen wir mal unbeantwortet, die Frage nach den Gürteltieren usw. Die zentrale Geschichte ist natürlich "Nowhere Springs", die Geschichte zweier Entwurzelter, die manchmal schon gerne etwas unempfindlicher wären, geschützt durch einen dicken Panzer, wie ein Airstream, wie ein Gürteltier. Und wenn man irgendwie verloren ist, helfen einem kleine Dinge bei der Orientierung. Dinge, die überall auftauchen, überall zu Hause sind und so die Entfremdung für einen kurzen Augenblick mildern. Der Alltag braucht seine kleinen Angebote.

F: Das gefällt mir überhaupt am besten an deiner Prosa, diese Empathie und beinahe fürsorgliche Aufmerksamkeit, die du dem Profanen schenkst. Mir scheint, als ginge es dir literarisch vor allem darum: Alltag zu konterfeien.

TCB: Das Grosse kommt mir oft zu bollerig daher, zu aufgeblasen, ich suche mir meine Freuden stets im Kleinen. Dinge, die nicht so auffallen, das scheinbar Nebensächliche, das Leise. Nuancen. Das Grosse lässt einem nicht immer die Chance zu einer differenzierten Meinung, das Kleine schon, es kommt häufig als Angebot daher und gestattet Zeit und auch Raum, denn es nimmt nicht so viel Platz weg. Das mag ich.

* Thomas C. Breuer: Paradies, etc. MaroVerlag, Augsburg 2002, 190 Seiten, 14 Euro

(Frank Schäfer © Junge Welt 2002, Samstag, 07.12.2002)

Aktualisiert am 09.09.2009