"30 Minuten lang lachen und der Krankenkasse Eintrittskarte vorlegen"
Kabarettist Thomas C. Breuer begeisterte seine Zuhörer beim Auftritt im Fresche Keller

»Die Maut kommt!« So lautete der immer wiederkehrende Satz bei seinem ersten Auftritt mit der Vorschau auf 2004 bei uns im Fresche Keller. Und er hat ja am Ende Recht behalten: Die Maut ist wirklich da.
Von Thomas C. Breuer können Sie aus erster Hand erfahren, was das Neue Jahr bringen wird. Kabarettistisch auf jeden Fall, und was das Prophetische angeht – die Zeit wird es zeigen ...
»Gäbe es eine Statistik über wirklich witzige Pointen im politisch-literarischen Kabarett, Thomas C. Breuer würde sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anführen.« Das stand im Kreis-Anzeiger, als Thomas C. Breuer bei uns auf der Bühne stand. Außerdem noch dies: »Wohltuend anders als das inzwischen gängige „politisch korrekte“ Kabarett und noch weiter entfernt von enervierender Comedy servierte Breuer seinem Publikum über 100 Minuten lang geistige und sprachliche Kapriolen, deren Verstehen einen mehrfachen „Küblböck-IQ“ voraussetzt.«
Das schreit nach einer Fortsetzung, und das Jahr 2006 drängt sich geradezu auf, denn da findet hierzulande die Fußball-WM statt. Da können die Deutschen dann zeigen, ob und was sich bewegt hat in diesem Land. Auch wird Franz Beckenbauer 60. Und Udo Jürgens 72 – das sind schon heute Meilensteine. Weitere Highlights: 2006 ist das Jahr, in dem die Bahn nicht an die Börse geht und voraussichtlich auch die neue Gesundheitscard nicht fertig wird. Und ob die Maut endlich ... ?
Wer kann schon in die Zukunft schauen - einfach so? Dazu gehören magische Vorbereitungen: Gewänder, Spitzhut, Zauberstab, brodelnder Kräuterkessel.
"Stimmt gar nicht", könnten die Fresche Keller-Besucher entgegen halten. Ihnen wurde ein "Blick voraus im Zorn" gewährt, der ohne zauberisches Brimborium auskam. Schlaksig, im dunklen Anzug und mit dem steinernen Gesicht eines Studienrates am Montagmorgen - so machte der Kabarettist Thomas C. Breuer das Tischchen auf der Bühne zum Katheder und desillusionierte mit hohler Stimme sein Publikum. "Die Zukunft war auch schon mal besser!" Und trotzdem Gelächter aus den Reihen?
"Lachen ist gesund - damit arbeiten Sie Ulla Schmidt in die Hände. Wenn Sie hier 30 Minuten lang gelacht haben, können Sie die Eintrittskarte der Krankenkasse vorlegen". Trotz Kostendämpfung - die Kassen werden löhnen müssen, denn Gelächter gab es genug: mit ernstem Gesicht lässt Breuer eine Pointe der anderen folgen. Änderungen erwarten uns. Bahnchef Mehdorn verlegt sein Schienenimperium an die Copa Cabana ("Das Personal ist dort leckerer und die Betriebsräte haben keine lange Anfahrt!")
Am 21. Februar folgt das nächste Ereignis von Brisanz. Der "Tag der Muttersprache". Eine mehr als notwendige Besinnung, denn "Deutsche sprechen immer schlechter hochdeutschisch". Mit hohler Stimme schildert Breuer den Niedergang der Sprachkultur in die Tiefen des Oxford German. Hat das letzte Stündlein der deutschen Sprache geschlagen, ihre "last minute" sozusagen? "Citizens of Ortenborogh, the German language is in great danger!" Breuer muss es ja wissen.
Immerhin macht er seit seinem Erstling "Wir, die wir mitten im Leben stehen" schon jahrzehntelang Bücher und schreibt quer durch die Genres: Satiren ("Schnell Epoque"), Reisebereichte ("Küß mich, Käfer", "Deutsche far niente"), Krimis ("Huren, Hänger und Hanutas"), Kurz- und Kürzestgeschichten ("Stadt, Land, Blues"). Seit 1977 tritt er als Kabarettist auf.
Nachdem Breuer schon lokal mit seinen vergifteten (Sprach-) Darts gehandelt hat, ist es Zeit, global zu denken. Bush hat die Achse des Bösen festgezurrt: die vier Länder der Welt, die ihrer bedauernswerten Bevölkerung das Coca Cola vorenthalten: Iran, Irak, Südkorea und Jemen. Da heißt es handeln. Bush schluckt den Iran und schickt die Hälfte der Bevölkerung nach Guantanamo. Es kommt zur Revolte und zum Massenausbruch. In der Stunde der Not stehen Männer zusammen: Fidel Castro bietet George W. an, als Guerilla zu agieren...
Schwarzer Humor ? Ganz gewiss - mit heiler Welt haben weder Breuers multilaterale Zukunftsphantasien noch sein Blick auf unsere Sicherungssysteme zu tun. Da sieht er jeden Weißkittel zum Durchgangsarzt werden, eine neue Gruppe von Gesetzesbrechern sich formieren: Kriminelle über 60 auf Medikamentenklau. Haben Hartz IV-Empfänger Anspruch auf Sterbehilfe, etwa auf Lebensmittelgutscheine ("Schweinefleisch in Salmonellen?").
Unbewegten Gesichts, im Staccato, fügt Breuer Schlaglicht um Schlaglicht hinzu: die "no depression"-T-Shirts, das neue Motto der Solidargemeinschaft "Mitgegangen, mitgefangen" und "Unser Land ist widerwärtig". Promis, die Breuer aufs Korn nimmt, kommen gnadenlos komisch weg. Boris Beckers Sprachschatz aus drei Sätzen, die neue Karriere des Holger Pfahls als Vorsitzender des Steuerhinterziehungsvereins. Und das Publikum folgt amüsiert seinen Kassandra-Kapriolen.
Kreis-Anzeiger, 25.01.2006, ORTENBERG (em).