Weissagungen im Spiegel.
Thomas Breuer im Alten E-Werk
Wohin man zappt, worin man blättert: Jahresrückblicke allüberall, mit Menschen und Ereignissen 2003. Auch Kabarettisten pflegen bisweilen diese Form der populären Rück-Show, der zeitnahen Gesichts- und Geschichtsaufarbeitung. Nicht so Thomas Breuer: Das wäre ja, als würde Kachelmann über das Wetter von gestern reden. Im Alten E-Werk Neckargemünd richtete er seinen geschulten Kabarettistenblick stattdessen voraus aufs Jahr 2004 - mit Spaß und Spott, Kalauern und Kinnhaken, Zorn und Zoff. Wissend um die "begrenzte Haltbarkeitsdauer" seiner über zweistündigen, Pointen gespickten Jahresvorschau hatte Breuer darauf verzichtet, das Programm auswendig zu lernen. Vielmehr trug er seine Prognosen für die nächsten 12 Monate (und als Zugabe auch für 2005) vom Blatt lesend vor, ab und an väterlich-strenge Blicke über die auf der Nasenspitze thronende Brille werfend und mit den raumgreifenden Armen eines 2-Meter-Mannes seine Worte unterstreichend.
Das Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Alten E-Werk folgte seinen Wortwitz-gewaltigen Tiraden und Eskapaden mit nachweihnachtlicher Entspanntheit und wohliger Schmunzelbereitschaft.
Prognosen sind einer alten Börsenweisheit zufolge schwierig zu erstellen, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Für Börsenmakler mag das ein Handicap sein; einen Humoristen wie Thomas Breuer ficht das nicht an. Er braucht keine Wirtschafts-Trendberichte und Wählerumfragen als Material für seine Vorausschau, sondern schöpft vielmehr aus der niemals versiegenden Quelle der aktuellen Umgangssprache und ihrer (unfreiwilligen) Komik.
Bahndurchsagen, Werbebotschaften, Fernsehshows und Politikgedöns im Besonderen und die Reichhaltigkeit der Sprache an doppelbödig interpretierbaren Wörtern und Wendungen im Allgemeinen sind das Jagdgebiet, in dem der enthusiastische Sprachwilderer seit Beginn seiner Kabarettpräsenz 1977 immer wieder fette Beute macht.
Und wenn er vorschlägt, die Volkshochschulen im Zuge der einschneidenden Sparmaßnahmen in "Volkstiefschulen" umzubennen und die Musikschulen nur noch Halbtöne spielen zu lassen, dann blitzt sie eben doch auf: die Gesellschaftskritik.
Ebenso grandios wie arglos lustig und mit viel Beifall bedacht waren seine Sequenzen über Italien und über das griechische Essen "schlecht"hin (gipfelnd im "Mussaka-Massaker"), in denen Breuer quer durch die fabelhafte Welt des Wortwitzes alle Register seines Könnens zog.
Bisweilen brachte der doppelbödige Sprachakrobat an diesem Abend ganz ohne Vorwarnung aber auch mal eine derbe, im Witz beunruhigend tiefgehängte Volkseele zum Vorschein. So gewollt vom Künstler? "Quatsch, ich mein's ernst" ist darauf wohl die sibyllinische Antwort, die der Kabarettist schon mit dem Titel seines letzten Programms vor zwei Jahren im Alten E-Werk gegeben hat.
Die Quintessenz all seiner Voraussagen für 2004 war schließlich wenig überraschend: "Die Maut kommt - oder auch nicht ..."
© Fotos und Text: Imme Techentin-Bauer
