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Im Westen nichts Neues

Das ruhige Leben zwischen Dichterweg und Schloss, Studenten und amerikanischen Soldaten.

Zu Hause ist es am wenigsten schön. Deshalb gehen manche weg und schauen Jahre später noch mal vorbei. Zu Hause ist es am schönsten. Deshalb sind manche geblieben und blicken mal milde, mal amüsiert, mal zornig auf ihre Heimatstadt. Wir bringen in lockerer Folge Heimatgeschichten von Autoren, die zu beiden Temperamenten zählen: zu den Weggegangenen und zu den Daheimgebliebenen. Aber allen gemeinsam ist, dass sie einen wichtigen Teil ihres Lebens mit ihrer eigenen Stadt verbinden. Und die Geschichten, die sie erzählen, wird man im Reiseführer vergeblich suchen.

(06.08.2002, Süddeutsche Zeitung)

Reise in die eigene Stadt: Heidelberg

In dieser Stadt wird natürlich gehörig studiert. Ich z.B. studiere regelmässig die Todesanzeigen, was bedeutet, dass ich wohl lange genug in Heidelberg wohne, dass die Stadt als die "eigene" durchgehen kann. Von den nunmehr 22 Jahren habe ich allerdings (entschuldigt) mindestens die Hälfte gefehlt, mein Beruf treibt mich in alle möglichen Ecken des Landes, was zur Folge hat, dass ich mindestens fünfmal im Monat in die eigene Stadt reisen darf, meist mit dem Zug, der von Mannheim nicht allzu motiviert auf die Kurpfalzkordillere (vulgo "Kleiner Odenwald") zuschleicht und quasi durch die kalte Küche in die Stadt gelangt. Den Bahnhof hat man vor knapp einem halben Jahrhundert aus dem Zentrum ausgegliedert, um der grossen Bahnlinien teilhaftig zu gehen. Mittlerweile hat die Stadt den Bahnhof wieder eingeholt, die wichtigen Bahntraversen führen freilich grosszügig an der Kurpfalz vorbei. Der grosse Bahnchef Mehdorn, der vor einigen Jahren als Vorsitzender der Heidelberger Druckmaschinen AG noch schäumte, als die DB Heidelberg weitgehend vom ICE-Netz abkoppelte, meint nun achselzuckend, die Bahn könne nicht an jeder Milchkanne halten.

Am Bahnhof erwarten den Reisenden freilich statt Milchkannen wunderliche Figuren. Gleich rechts vom Hauptausgang gibt einem das in Bronze gegossene Abbild eines bemüht kauzigen Gepäckträgers die Richtung vor: Heidelberg ist ein Dienstleistungszentrum. Schräg gegenüber steht seit einiger Zeit eine überlebensgrosse Skulptur vor der gläsernen Kaaba der Druckmaschinen AG: das sog. S-printing horse (Achtung: Wortwitz!), das offensichtlich vor seinem eigenem Spiegelbild davongaloppieren will; nur drei Beine sind zu sehen, und selbst die sind schon zuviel, ganz zu schweigen vom Rest. Leider ist Heidelberg doch nicht so amerikanisch, wie man meint: Dort werden behinderte Pferde bekanntlich erschossen. Die Amis schreckt das Standbild ebenso wenig ab wie die Bataillone von Japanern oder Koreanern, die horrende Summen ausgeben, um all das zu bewundern, was man für sie stadteinwärts aufgetürmt hat. Gerne auch schon um sechs in der Früh, so sie denn überhaupt innerhalb der Stadtmauern übernachtet haben. (Die magere Auslastung der Hotelbetten bereitet dem Verkehrsverein heftige Kopfschmerzen). Der Jetlag treibt die Besucher aus den Federn und lässt sie noch vor dem Frühstück verloren um die grossen Hotels herum schwärmen. Später werden sie dann entschädigt mit den recht gut erhaltenen Resten einer Stadt, die von Franzosen geradezu pittoresk zerstört und von den Amerikanern im 2. Weltkrieg gezielt verschont wurde, weil sie keine Lust hatten, ihr Hauptquartier in einem Trümmerhaufen aufzuschlagen. Erst den Städteplanern gelang eine radikalere Beschädigung, allerdings nicht in der Altstadt, wo die Gassen gottlob zu eng sind, als dass man mit schwerem Gerät grösseres Unheil anrichten könnte. Trotzdem: Was machbar war, wurde gemacht, vor allem rund um den Bismarckplatz, einer Dauerausstellung von Bausünden. Wir sind hier im emsigen Baden-Württemberg, wir können alles. Der Tatendrang der Aufbaujahre hat der Stadt dennoch insgesamt wenig anhaben können, weswegen der SWR Heidelberg vor Jahren zum "Wohlfühlort" erkoren hat (was zu weiteren Wortspielen einlädt) - und von da ist es zum "Erlebnispark" nicht mehr weit. Neuerdings werden ja alle 20 Minuten irgendwelche Umfrageergebnisse veröffentlicht, ein Männermagazin namens "Men's Health" adelte Heidelberg soeben zur drittmännerfreundlichsten Stadt Deutschlands, was immer das bedeuten mag. Um ein anderes Etikett buhlen unterdessen höhere Stellen: "Weltkulturerbe" will man werden, um grünes Licht zu bekommen für weitere Reglementierungen wie z.B. die einheitliche Aussenbestuhlung der Wohlfühlerlebnisgastronomie. Geschäftsleute fürchten das Schlimmste, man fühlt sich seit Jahren von oben gegängelt. Neue Nahrung für die Stadtführungen unter dem Motto "Hässliches Heidelberg", die ein Altstadtbewohner in Notwehr anbietet. Bereits heute sieht es in Teilen der Altstadt aus wie im Innern einer Kuckucksuhr: irgendwie süss und total aufgeräumt. Bevor dies zum üblichen Heidelberg-Lamento missrät: Den Touristen bin ich ebenso dankbar wie den noch immer hier stationierten US-Soldaten, bewahren erstere die Stadt vor dem grausamen Schicksal einer Akademiker-Monokultur wie in Marburg oder Tübingen, und sorgen letztere für ein gewisses Mass an Bodenhaftung, Nervenkitzel (nach Nine-Eleven) sowie den AFN. Die Studenten schliesslich ersparen einem die Degradierung zur Drosselgasse. Auch der Hauptstrasse gebührt Dank, absorbiert sie doch klaglos die täglichen Tausendschaften. War da noch was? Ach ja, die Einheimischen. Die stören nicht weiter.

Seit 1980 wohne ich zwar annähernd in der selben Zeitzone wie das Weltkulturerbe in spe und dennoch in einem ganz anderen Heidelberg: In früheren Zeiten nannte man die Weststadt gerne "Musebrotviertel", und lange habe ich darauf gehofft, dass mich diese Muse ins Brot setzt, bis mir jemand - wenn nicht gar das Buch des örtlichen Schriftstellers B., der sich immer mehr zu einer Säule der Gemeinde entwickelt - steckte, dass es sich dabei um jenes Mus handelte, das sich die armen Bewohner aufs Brot schmierten. Dabei sehen die stolzen Gründerzeithäuser nicht zwingend nach armen Leuten aus. Die Weststadt ist relativ normal, nicht so hysterisch weltläufig wie Neuenheim, wo auf jeden Bewohner mindestens drei welsche Handelsniederlassungen kommen (die grösste Dichte ausserhalb des französischen Staatsgebiets): Wein, Käse, Kräuter aus der Provence, Haute Couture, Bistros. Die Weststadt ist auch nicht zur puren Deko verkommen wie die Altstadt. Unvergesslich die Geschichte eines Bekannten, der seinerzeit in einer Parterrewohnung am Kornmarkt residierte und eines Morgens sozusagen in den überraschten Ausruf eines Touristen hinein das Fenster öffnete: "Guckma, das ist gar kein Möbelgeschäft, da wohnen welche!" Ja, da wohnen welche und sie stehen nicht mal auf der Eingeborenen-Gehaltsliste des Rathauses. Die ebenerdigen "Altstadtsume" haben kaum eine andere Wahl, als gelassen zu sein und gelegentlich dezente Hinweise wie "Bitte nicht füttern" in die Scheibe zu kleben. Aber wann kommt ein Weststädter schon mal in die Altstadt oder gar aufs Schloss? Höchstens zum Hochwassergucken oder wenn Besuch da ist. Dann fällt einem das vermehrte Auftauchen irischer Saufhallen und Fastfood-Inder auf, sowie Stehcafés in solchen Mengen, dass man sich fragt, wie Starbucks hier je ein Bein auf den Boden kriegen will. Mit dem heimlichen Stolz des Insiders lotst man die Besucher an musizierenden Studenten - kategorisch aus St. Petersburg - und magyarischen Kohlestiftporträtisten vorbei - zu den verborgeneren Wasserstellen, die neidvollen Blicke der Gäste in den Augenwinkeln registrierend: Donnerwetter, pulsiert hier das Leben! Was Inder angeht, so taugt übrigens der in der Mittelbadgasse was und für den Espresso oder den Averna hinterher besucht man das Casa del Café in der Steingasse. Bei den irischen Tränken muss ich passen. Der Witz, man habe seine Leber in Heidelberg verloren, ist nicht minder so öde wie das Lamentieren über Touristenmassen an sich.

Im Allgemeinen ist die Weststadt geradezu autark, sie versorgt ihre Leute gut, was praktisch ist, verkürzen sich doch fortschreitenden Alters die Laufwege. Unschlagbar scharf im doppelten Sinne der thailändische Chiangmai-Schnellfress auf dem Mandy's-Areal an der Speyrer Strasse, einer Gegend, in der man im Leben nicht drauf kommt, dass Heidelberg eine Universitätsstadt ist. Unschlagbar gross die Portionen im Schwarzen Peter, wo man auch Aborigines in freier Wildbahn erleben kann. Den Café Maroc gebe ich mir im Kleinschmidts, meiner persönlichen Capuccinogruft, dem ich eigentlich nur den Apostroph vor dem s anlaste (Mandy's darf das, weil amerikanisiert). Ein willkommener Treffpunkt der Nachbarschaft, überlebenswichtig für einen Schreiber, denn Schreiben ist bekanntlich ein asoziales Geschäft. Ich stelle eine weitere Heidelbergisierung fest: Ich sage "alla", wenn ich ein Ladenlokal verlasse. Dabei ist die Weststadt längst nicht so durchfranzösisiert wie weite Teile der Stadt, wo sich zunehmend ein Bäcker breit macht, der unter dem Label "Votre boulanger" Weltläufigkeit antäuscht. Wie weit die geht? Laut Kolportage wollte ein Kunde im Februar 2002 mit französischen Euro bezahlen. Heftige Abwehrreaktion bei Boulangers: "Oh, nai, mir nemme nur deitsche!" Für solche Anekdoten fernab jeder Romantik, in der realen Welt zwischen Heidelberger Druck und Heidelberger Zement, bewundere ich diese Stadt, und sie werden mir leicht und gerne zugänglich gemacht. Binnen 22 Jahren habe ich auf diese Weise so ziemlich jeden greifbaren Witz machen dürfen, und Sie können versichert sein, dass sich da ein Kabarettist wenig Zurückhaltung auferlegt. Positiver Nebeneffekt: So schrammt man halbwegs ehrenhaft an der Position des Heimatdichters vorbei.

Die kunsthistorischen Facetten berücksichtigt dieser Artikel nicht, die füllen Bände. Wer stattdessen wissen will, wie sehr sich Heidelberg verändert hat in den letzten beiden Dekaden, muss sich nur meine persönliche Einflugschneise betrachten: In den gerade noch subversiven 80ern gab es da ein Frauencafé, die Redaktionen zweier Stadtzeitungen (eine unbotmässige und ein Unterhaltungsmagazin), ein Regenbogenzentrum für Therapie mit ganzheitlichen Gebims und einen Strickmodenladen, der schon damals aus der Zeit gefallen schien. Das Frauencafé ist dicht, die Redaktionen beherbergen jetzt eine Anwaltspraxis und ein Jura-Nachhilfezentrum, die Strickmoden sind einem Tattooladen gewichen und am Ende des Regenbogens habe ich mein Büro aufgeschlagen. Der Besitzer des Kiosks hat unterdessen dreimal gewechselt, ebenso wie der des Restaurants Krokodil, erstaunlicherweise hat die Kosmetik Weststadt überlebt und damit wohl auch ihr Publikum) Der Kopierladen ist zwei Häuser weitergezogen, nachdem sich der Mietpreis für den alten Standort vervielfachen sollte. Die Weststadt, wenngleich wenig spektakulär (oder vielleicht drum) ist begehrt. Mein Strassenabschnitt bewegt sich quasi zwischen den Koordinaten Nabelpiercing (Strassbanane!) und Beinenthaarung. Der revolutionäre Geist hat sich stadtweit verflüchtigt, für 2002 ist bis dato lediglich eine Demonstration zu vermelden, die grössere Aufmerksamkeit erregt hat: Die wurde im Frühling von dynamischen Jungunternehmern durchgeführt, die lauthals protestierten, weil sie durch die Baumassnahmen in der Brückenstrasse - nicht zu unrecht - geschäftliche Einbussen befürchteten.

Ich habe wohl Wurzeln geschlagen. Vor einigen Monaten ist mir beim Sichten alter Steuerunterlagen eine Quittung des Kopierladens untergekommen. R., der sie vor 20 Jahren abgezeichnet hat, sitzt da nach wie vor auf seinem Posten. Ich habe sie ihm vorbeigebracht und wir haben ein bisschen geweint. Dann bin ich wie immer nach Hause gegangen mit den Worten "Schöner Abend!", worauf es postwendend hinter mir her schallte: "Du auch!" Wir sind ein eingespieltes Team. Wenn ich so etwas wie einen zweiten Wohnsitz hätte, dann sicher bei den Vervielfältigern. Theaterautoren, aufgepasst: Ein Kopierladen wäre die optimale Plattform für ein zeitgenössisches Stück: "Mein wunderbarer Drucksalon". Unvorstellbar, was die Leute z.B. manchmal an Originalen liegen lassen: Abiturszeugnisse, Liebesbriefe, Bombenanleitungen … und nie mehr danach fragen! Rasch drängen sich nun natürlich Assoziationen auf: Kopie, Original, was ist in so einer nach aussen gerichteten Stadt eigentlich echt und was Klischee, Abziehbild oder Fata Morgana? Ist Heidelberg einzigartig oder im Zeitalter der Reproduzierbarkeit beliebig wiederholbar? Fragen, die vor allem in den 80ern beliebt waren, als hier noch T-Shirts mit dem Bekenntnis: "I'm not a tourist, I live here!" reissenden Absatz fanden. (Im benachbarten Mannheim lagen sie wie Beton in den Regalen.) Vor zwei Jahren zerbrach man sich in monatelangen Veranstaltungen den öffentlichen Kopf über das "Bild der Stadt". Zufällig beunruhigten uns in jenen Tagen Schnappschüsse aus Japan, bei denen wir unseren Kanzler- Schrederu Shusho Kakka - dabei beobachten konnten, wie er in einem japanischen Erlebnispark höflich amüsiert eine Replika der Marksburg begutachtete. Wer sagt uns denn, dass nicht seit Jahren z.B. in Disneyworld sukzessive das Heidelberger Schloss wieder ersteht, seit 50 Jahren von amerikanischen Touristen undercover in mühevoller Kleinarbeit Bröckelchen um Bröckelchen abgetragen, sozusagen nach Florida disloziert als eine Art "art in progress"? Wenn die Bausubstanz aber allmählich abwandert, muss man sich natürlich fragen, ob diese Stadt vielleicht nur ein optischer Effekt ist im Sinne von Projektion, dass der Mythos Heidelberg nicht mehr ist als ein rahmenloser Bilderhalter. Diese Fragen möchte ich den üblichen Verdächtigen überlassen und stattdessen darüber sinnieren, warum es stets wie "müdes Heidelberg" klingt, wenn Einheimische das aussprechen und in wie vielen japanischen Fotoalben wohl mein Konterfei zu finden ist.

Das Schloss ist jedoch kein Luftschloss, und mag man ihm längst die Seele aus dem Gemäuer heraus fotografiert haben: Schön bleibt es doch. Und es bleibt unseres, ätsch! Aber insgesamt nimmt das womöglich demnächstige Weltkulturerbe (Entscheidung 2003) nur wenig Einfluss auf unser beschauliches Leben im Westen, wo der jüngst zu Ruhm gekommene Dichter G. unbeirrt seine Kreise zieht, wenn auch missmutigen Blickes, und der Versandmetzger die paar Schritte vom Lidl bis zum Zerlegezentrum immer rennen muss, zwei XXL-Flaschen Cola unter die Achseln geklemmt, als ginge es um Leben oder Tod, und der Frisör R., der einen Laden in der Altstadt besitzt, über die widerborstigen Haare fernöstlicher Kunden klagt, weil er nach jedem Besuch die Scheren schleifen müsse, und wo bald jeden zweiten Tag ein neuer Biosupermarkt aufmacht: Mal ehrlich, soviel Anbaufläche für Gesundgemüse kann es doch im ganzen Land nicht geben! Immerhin ist Heidelberg noch Teesockenkapitale genug, dass Fritz Kuhn von den Grünen seine Chance auf ein Bundestagsmandat wittert. Nicht nur Krieg und Fussball kennen Söldner. Wären die vielen Baustellen nicht, die Weststadt wäre ein Paradies. Anscheinend verschleudert das Bauhaus seit Jahren Presslufthämmer oder aber gehen die Häuser auf Verabredung simultan entzwei oder werden Prämien für Altbaurenovierung durch den Kamin geblasen. In unserem Quartier sanieren sich bundesweit die Sandsteinsanierer, da wird nonstop frisch veraltet. Gäbe es Wettbewerbe für Baulärm, die Weststadt wäre auf einen Spitzenplatz abonniert. Ich möchte daher die Entscheidung über einen möglichen Alterswohnsitz gerne ein wenig aufschieben. Bevor sie nicht endlich die Tauben zum Abschuss freigeben, wird das sowieso nichts.

Dennoch mag ich diese geborgte Geborgenheit und vor allem viele Bewohner, die gleich mir Zuflucht gefunden haben. Als Kilometerfresser weiss ich eine übersichtliche Heimat zu schätzen. Unentwegt reise ich in die eigene Stadt, ein Dauerheimkehrer. Einerseits gestattet das häufig den Blickwinkel des Aussenstehenden als willkommene Nebenwirkung, verhindert andererseits aber das Vordringen in tiefere Schichten, weil ich immer wieder neu ansetzen muss. Die Stadt ist mir auch nach 22 Jahren ein wenig fremd geblieben, zumal es schwer fällt, das Misstrauen gegenüber einem Gemeinwesen abzulegen, das es nie zu einem anständigen Fussballverein gebracht hat. (Natürlich gibt es Sandhausen - aber ist Unterhaching München?) Hier siedelt man nicht gern auf Grasnarbenhöhe. Der Geist der Stadt geht mir gelegentlich auf den selben, dieses akademisch-hochtrabend-gelehrige, gerade pflegen sie den Diskurs über die Kunst, die Grosskunst natürlich. Weltkulturniveau solle diese Stadt erreichen, tönt es, ein grosses Konzerthaus müsse her, die Thingstätte eine Art Arena di Verona, teuer und edel alles, kurz: der übliche seelenlose Mist. Mega-Konzerthaus - für wen eigentlich? Auf höherer Ebene traut man sich nix, statt Prince höchstens "Student Prince" - wie lange der wohl noch BaFöG bezieht? Überall stehen zu Stein erstarrte Madonnen herum, Madonna aber hat noch nie einen Fuss hierher gesetzt. Gut, damit kann ich leben, aber es geht um die Tendenz. Die "Klein"künstler haben sie gar nicht erst nach ihrer Meinung gefragt, wozu auch, diese Stadt rückt ja nicht mal ein gescheites Kleintheater raus (trotz des grossen Besucherpotentials), und sowieso haben sich wie überall die unvermeidlichen Kunstheinis das Thema unter den Nagel gerissen, die Kuchenaufteiler und Platzhirsche. Das Zeitungsfoto zur offiziellen Diskussionsrunde lässt folgende Teilnahmekriterien vermuten: Mindestalter 40 und keine Frauen, bitte!

Besser hingegen gefallen mir die tropischen Facetten. Gut, seit Wenders sieht man selbst in Mosbach oder Darmstadt zigarrenvernebelte Havana-Bars, aber in Heidelberg liegen die Dinge anders. Einerseits gespeist aus den zahlreichen 70er-Jahre-Solidaritätskomitees für Nicaragua oder El Salvador und was da sonst noch so rumliegt und einer recht ansehnlichen Latino-Kolonie, andererseits aus der segensreichen Tätigkeit eines Musikimpresarios namens Götz A. Wörner, der Anfang der 80er Jahre schon den ganzen Latin-Kult vorweg nahm, hat sich ein dichtes tropicalisches Netz entwickelt mit einheimischen Bands und Clubs und den passenden Geschäften dazu. Damals gingen in dem kleinen Büro in der Steingasse Salsagrössen wie Ruben Blades oder Willie Colon ein und aus, man konnte am "Neckarmalécon" entlang flanieren sehen, es gab einzigartige Konzerte mit Gonzalito Rubalcaba oder Paquito d'Rivera, die nirgends sonst auf diesem Kontinent passierten - Caliente! Compay Segundo wäre hier nicht weiter aufgefallen, sowieso war er damals noch zu jung. Bald jeder Heidelberger unter 30 wusste, was eine Limette ist und Bacardi nicht unbedingt das Nonplusultra beim Rum. Sowohl die Plattenfirma Messidor als auch die internationale Solidarität sind lange passé, aber ein Teil der Infrastruktur lebt weiter, wobei die Frage, ob Zigarrenlounges die konsequente Fortsetzung revolutionärer Ideen sind, noch zu diskutieren wäre, am besten bei ein paar Mojitos. Noch wichtiger allerdings ist die Frage, wieso der Mex um die Ecke nicht ohne Türsteher auskommt - ein Restaurant! Wie sehr diese Kultur in die bürgerlichen Schichten eingesickert ist, belegt folgende Notiz aus der Lokalzeitung: "'Cocktails mit und ohne Pep' heisst bereits seit einigen Jahren die Devise des Eppelheimer-KontaktBüro-Teams … Aber auch über die Grenzen Eppelheims hinaus sind die leckeren und phantasievollen Mixturen längst bekannt. Am Donnerstag ist es Anlaufstelle für die ‚mobile Cocktailbar' im Seniorenzentrum. Von 15 bis 17 Uhr können sich alle Besucher auf eine Reise in die bunte Welt der Cocktails mitnehmen lassen."

Das lässt hoffen für die Zukunft, wobei ich mir auch nach 22 Jahren nicht schlüssig bin, ob ich hier meine Tage beschliessen werde, am Ende als Spargelredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung. Übrigens komme ich generell nicht gerne nach Hause, das hat aber mit persönlichen Defiziten zu tun. Home is, where my anrufbeantworter is, hat man früher gesagt. Heute kommt die mailbox hinzu, ein Depot für schlechte Nachrichten. Schon als Schüler habe ich den Heimweg in die Länge gezogen, da war dieser Druck auf der Brust, den ich damals den "Mulm" nannte: Was, wenn wieder ein Lehrer bei meinen Eltern angerufen hatte, um sich über mein unmögliches Betragen zu beschweren? Aber dafür kann Heidelberg ja nix. Trotzdem bin ich immer auf der Hut in dieser Stadt, einlullen lass ich mich nicht. Die Romantik kann mich mal, der genius locii ebenso, die Saumseligkeit erreicht mich nicht. Ich geniesse die Kontakte, Freundschaften, das soziale Netz, die nicht hinweg zu leugnende Schönheit der Stadt betrachte ich als willkommenes Sahnehäubchen. Die Todesanzeigen werde ich weiter im Auge behalten wie weiland Andrew Carnegie in New York: Erst wenn er seinen Namen nicht in der Times entdeckte, konnte er wohlgemut ans Tagwerk gehen.

© Thomas C. Breuer Heidelberg 13.06.2002

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Aktualisiert am 09.09.2009