Frequent Flyer
Die Kaiserstrasse 7ücke trägt ihren Namen nicht zu unrecht, sie spannt sich über den steilen Stadtgraben, eine Art Golden Gate der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg, auch was die Selbstmörderdichte angeht, muss sie sich vor San Francisco nicht verstecken. Sogar hellichten Tages springen sie, oder jucken, wie man im Dialekt sagt, auch am heiligen Sonntagnachmittag, und sogleich drängen sie in dichten Klumpen am Geländer, die Einheimischen und ein paar wenige Touristen, deren silberne Digitalkameras in der Sonne glitzern. Menschen sprechen gestikulierend in ihre Handys und wenig später eilen weitere Beschauer herbei, zu Fuß, auf dem Rad, mit dem Auto, nur Reiter sucht man vergebens, und die Klumpen werden dichter, und die Passanten starren und staunen und lassen es glitzern, die Polizei ist da und starrt und staunt ebenfalls. Und wie so oft in dieser kleinen Stadt wird die Chance vertan - man könnte mehr daraus machen.
Die Zuschauertribüne vom Freilichttheater im Bockshof wäre durchaus weiter verwendbar, schließlich sollen alle zu ihrem Recht kommen. Touristen gilt es anzusprechen und einzubinden. Mit wenigen Handgriffen ließe sich das Teil direkt unten im Stadtgraben zusammen zimmern. Eintritt verlangen, oder auch Abo anbieten, das würde Geld bringen in die chronisch klammen Kassen, die Idee als solche schleunigst lizenzieren lassen und Franchises in alle Welt verkaufen.
Man muss Schneid haben für die Kaiserstrasse 7ücke, Kandidaten sollten sorgfältig gecasted werden, auch in das mittelalterliche Stadtbild müssten sie passen, das sähe sonst unschön aus, und Talent als Zielspringer braucht man ebenfalls, 60,70 Meter im freien Fall. Unten ist nur ein schmaler Weg asphaltiert, der Rasen übernimmt keine Garantie, höchstens in den Wintermonaten zwischen September und Mai. Ein Keramiksponsor sollte einspringen, der sein Logo in die Kacheln brennen dürfte. Im Sommer ist nicht soviel los, die Stadt lebt vorwiegend von der Fasnacht, die Fasnet mit dem berühmten Narrensprung, Rosenmontag in der Tagesschau, ohne Springen läuft hier nichts, davor und danach liegt alles in Agonie, nur bei Fronleichnam blitzt die alte Herrlichkeit auf, weswegen man dieses Ereignis folgerichtig Sommerfasnet nennt. Es ist schwierig für Städte dieser Größenordnung, in dieser Welt zu - wie man heute sagt - surviven.
Der freie Fall von der Kaiserstrasse 7ücke, Suizidale aus aller Welt, die sich in der benachbarten Gastronomie Mut antrinken könnten, freilich müsste diese ins 21. Jahrhundert gezerrt werden, vor allem die "Kaiserstrasse 7ücke" selbst, die ihre Umsatzbremse bereits in Gestalt der Wirtin eingebaut hat - für eine "Unhappy Hour" nachgerade die Idealbesetzung. Warum nicht Bauchladenverkäuferinnen einsetzen, die Haarsprays anbieten, damit die Frisur im Fall nicht verrutscht? Auch die Gaffer wollen versorgt sein. Hier werden Synergien frei, nach Hartz IV ist ohnehin mit einem erhöhten Kandidatenaufkommen zu rechnen. Das Nachrichtennetzwerk funktioniert zwar prima, aber hier ist mehr Professionalität gefragt. SMS-Ketten, Sirenen womöglich oder Glockengeläut, möglichst schon im berühmten Vorfeld, am besten wäre es, wenn Sprünge nur zu bestimmten Zeiten gestattet wären, und vor der Session zitiert ein Schauspieler des Zimmertheaters Schiller, aus Wilhelm Tell, da die Stauffacherin die Worte spricht: "Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei!", und dann ein paar Takte "Ode To Billie Joe" aus den 60er Jahren, als Bobbie Gentry sang: "Today Billie Joe MacAlister jumped off the Tallahatchie Bridge."
Eine der Partnerstädte Rottweils ist das aargauische Brugg. Dort amtete in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein gewisser Johann G. Zimmermann als Stadtphysikus. Von ihm sind u.a. folgende Zeilen erhalten: "In der Totenstille kleiner Städte, wo wenige Menschen unter sich und mit sich allein leben, wirket Einsamkeit sichtbar gefährlich auf Kopf und Herz."
©Thomas C. Breuer Rottweil 21.08.2004