Coming In
1. Die Sicherheit fängt auf dem Boden an. Da fragt einen ein offizieller Vertreter des Bodenpersonals right in your face: "Haben Sie etwas bekommen von jemanden, den Sie nicht kennen?" Mann, ich kenne gar niemanden, den ich nicht kenne! Im Flieger dann, wenn es kein Entrinnen mehr gibt, verteilt das Personal diese grünen Formulare. Fragen über Fragen: "Wollen Sie einen terroristischen Akt vollziehen? Wollen Sie in den U.S.A. ein Verbrechen begehen? Handeln Sie mit kontrollierten Substanzen? Steht hinter Ihrer Einreise die Absicht, sich an strafbaren oder unmoralischen Handlungen zu beteiligen? Waren oder sind Sie in Spionage, Sabotage oder sonstige Aktivitäten verwickelt?" Kleiner Tipp: Alle Fragen möglichst mit JA beantworten!
2. Die Sicherheitssysteme greifen bereits vor dem Flughafen. Mein Weg nach Amerika führt über Frankfurt, so oder so. Das Wetter macht meinem Reiseziel alle Ehre: Es schüttet wie im Pazifischen Nordwesten. Von Frankfurt aus starten nicht nur die Flieger, hier werden auch die Eintrittskarten verteilt, im Konsulat in der Siesmayerstrasse. Kaum tritt man bei der Bockenheimer Warte aus dem U-Bahn-Schacht, begrüsst einen ein Hinweisschild zum Restaurant Zenobia, das syrisch-libanesische Spezialitäten offeriert. Ist das eine passende Umgebung für Amerikaner? Im Literaturhaus in der Bockenheimer ergeht sich in diesen Tagen der österreichische Schriftsteller Robert Menasse über Themen wie "Plädoyer für die Gewalt" oder "Terror der Befriedung". Ob er mit diesem Katalog einreisen dürfte, würde er, sagen wir, einen Ruf als "writer-in-residence" an der Washington University in St. Louis erhalten? Gleich am Eingang zur Siesmayerstrasse befindet sich jener schon fast legendäre Kiosk, an dem derjenige gegen geringes Entgelt Handy oder Gepäckstücke deponieren kann, der die strikten Regeln für die Visa-Antragstellung, und deswegen bin ich hier, nicht gelesen hat. Biegt der Autofahrer in die Strasse ein, so sieht er sich gleich mit einer Art Schikane konfrontiert, die man wohl seinerzeit am Checkpoint Charlie abgeschlagen hat. Sowieso fühlt sich der Reisenwollende während des ganzen Prozederes an die Gepflogenheiten der guten, alten Deutschndemokratschnrepublik erinnert, und es wird Momente geben, in denen er sich nach deren Betulichkeit sehnt. Sie wollen noch wissen, wer zum Teufel Siesmayer war? Der hat den Palmengarten entwickelt.
In Vierergrüppchen darf man in den Vorhof, der von massiven dunkelgrünen Gitterstäben umschlossen ist. Ein ähnliches Gestänge kennt man vom Frankfurter Zoo. Die Dame beim Vorchecking ist hypernervös, vielleicht hat sie heute ihre kugelsichere Weste vergessen. Pass zeigen, ein paar Minuten warten, schon darf man ins Innere. Sicherheitscheck. Wertsachen, Schlüssel etc. wandern separat an der Schleuse vorbei. Bei mir piepst, also muss ich auch den Gürtel ausziehen, Schnürsenkel darf ich anbehalten. Sicherheitsprozeduren, die man von Flughäfen und Gefängnisfilmen kennt. Einem sarrasaniartigen Gittergang folge ich ins Innere, gelange in eine Lobby, die von Fahnen und Fotos geschmückt wird. Dick Cheney grinst sogar aus seinem Rahmen, als wolle er sagen: Glaub ja nicht, dass du durch die Maschen schlüpfen kannst! Bemerkenswert - es gibt einen Trakt, der den Amerikanern vorbehalten ist, und dort hängt ein Fernseher von der Decke, der die Wartenden mit Dumpfmucken und Klingeltönen traktiert. Dem Rest der Zivilisation bleibt derlei erspart. In Abu Ghraib müsste man mich nur zwei Stunden diesem Programm aussetzen und ich würde alles gestehen.
Ich halte eine grüne Karte in der Hand, die natürlich keine Greencard ist. Die meisten anderen haben blaue und sind vor mir dran. Meine Karte berechtigt mich zum späteren Zugang zur ersten Schlange. Ich habe Zeit, mich umzuschauen, mehr als mir lieb ist. Dämlicherweise habe ich meine Zeitungen hinter ein paar Mülltonnen in der Siesmayer deponiert, die Vopos haben früher ja auch immer sämtliche Druckerzeugnisse beschlagnahmt. Die Lobby vermittelt dem Reisenwollenden einen schönen Vorgeschmack auf die Vereinigten Staaten: Bis ins letzte Detail, Türgriffe z.B., alles hat man eingeflogen, weshalb sie auch stark an die Greyhound-Busstation von Idaho Falls erinnert. Die Sitze sehen aus, als habe man sie 1957, als der Inlandsflughafen von Houston (Hobby) renoviert wurde, irgendwo untergestellt, in der Hoffnung, irgendein Blödmann würde sie schon abkaufen. Vielleicht war es derselbe, der auch einen Beratervertrag mit einem Plastikhüllenhersteller abgeschlossen hat, so blöd kann er also nicht sein, denn die sind hier der letzte Schrei, tout les Antragstellers haben ihre Unterlagen in Klarsichtfolien geordnet, denn Umschläge sind hier verboten. Transpirationsfördernde Kunstledersitze, einheitlich ausgerichtet mit Blick auf den kleinen Raucherinnenhof - immerhin gibt es einen. Eigentlich ein optimales Forum, um eine kleine Performance zu veranstalten, um den Anwesenden ein wenig von ihrer Nervosität zu nehmen.
Endlich dürfen sich die Grünen einreihen. Die Anspannung flirrt ein wenig, der Druck bleibt nicht ohne Wirkung, mit grimmigen Gesichtern oder ernsten Mienen erzeugt man ein Klima von Geständnisbereitschaft. Plötzlich ist der Druck bei mir gelandet, der ich doch entsprechend instruiert und präpariert bin, das ist ja nicht mein erstes Visum, aber das erste nach Septembereleven, denn der Trottel von Passfotograf ist mit Mr. Chertoffs Anforderungsprofil nicht vertraut, der seit März 2005 der Agentur für Heimatschutz vorsteht, und, mea culpa, ich habe es auch ein wenig schleifen lassen: Auf meinem Porträtfoto fehlt ein Ohr, d.h. es ist nicht zu sehen, und falls ich die Absicht habe, beidohrig die Vereinigten Staaten zu betreten, brauche ich unbedingt ein anderes Passfoto. Na toll. Dabei habe ich gedacht, ich hätte meine Hausaufgaben gewissenhaft gemacht. Bei der Frage auf dem Antrag, ob ich jemals an der von der Naziregierung in Deutschland angeordneten Verfolgungen oder an Völkermord beteiligt war, habe ich entschieden das Nein angekreuzt.
Gut, die Schalterdame ist sehr freundlich, eine Deutsche, und weist mich auf den Fotoautomaten hin, der irgendwo auf dem Flur zu finden ist. Tatsächlich, da stehen sogar zwei Kabinen, davor eine kleine Schlange, denn der eine Automat ist ganz kaputt, und der andere fordert irgendein Speichermedium ein, dass natürlich kein gewöhnlich Sterblicher bei sich trägt, und wenn, hätte er es natürlich am Eingang deponieren müssen. Ich könne auch ein Foto nachreichen, sagt die Dame schliesslich, und entlässt mich in die zweite Schlange. Hier sitzen jetzt Amerikaner, jetzt wird es ernst, das Vorsortieren kann man den einheimischen Ortskräften überlassen.
Die Spannung steigt. Vor dem Schalter jetzt ein Mensch offensichtlich arabischer Herkunft, der, die Akustik trägt gut, seinen Beruf mit "Chemiker" angibt. Mit dem würde ich bei der tatsächlichen Einreise nicht tauschen mögen. Der nächste ist ein Inder oder Pakistani, und der Schalterbeamte verschwindet mit seinem Pass in den unendlichen Verwaltungsprärieen des Konsulats. Und bleibt verschwunden. Bleibt länger verschwunden. Es würde niemanden überraschen, wenn sich plötzlich unter dem Inder eine Falltür öffnen würde. Schliesslich kommt der Beamte wieder, no problem. Nun ich. Mein sog. Interview. Ein sehr sympathischer Mittdreissiger mit wahrscheinlich levantinischen Vorfahren. Zuerst die Fingerabdrücke, bitte. Ob sie auf diesem Weg auch gleich die Raucher aussortieren? Daumenkino durch meine Papiere. Stempel. Vom Passfoto kein Wort, dem Mann scheint ein Ohr zu reichen. Fragt als erstes, was das sei, Kabarettist. Ich bediene mich ganz gegen meine Überzeugung des Begriffs "Comedian". "Really?" Er zieht die Augenbrauen hoch, aber eher aus Enthusiasmus, lächelt. Hoffentlich muss ich nichts vorspielen, ich habe nichts einstudiert. Er will alles wissen, wie lange schon, hauptberuflich, es fehlt nur die Frage: Was machen Sie tagsüber? Was ich in den U.S.A. wolle? Eine Reportage über Greyhound. Oh, da hätte er auch schon seine Erfahrungen gemacht. Seine Augen rollen, strahlen aber. Wohin ich denn wolle? Seattle. Oh, seine Schwester wohne dort, sie sei begeistert. Wer interviewt hier eigentlich wen? Jetzt wieder er: Wann denn mein Artikel erscheinen würde? Wohl nicht mehr dieses Jahr. Er scheint ehrlich bestürzt. So, da müssen wir wohl noch ein wenig warten, sagt er, und: viel Erfolg. Das war's.
Das war's? Dafür der ganze Aufstand? Mir fällt ein Steinchen vom Herzen, man kennt die amerikanische Einreisepraxis der letzten Jahre. Cat Stevens, den sie aus dem Flieger geholt und zurückgeschickt haben, vielleicht nicht mal seiner islamistischen Umtriebe wegen, sondern als nachträgliche Strafe für seine grässliche Musik. Im österreichischen Fernsehen habe ich vor Jahresfrist die Geschichte eines Mannes gehört, der in den 60ern als Austauschschüler in Maine artig bei den Behörden angefragt hatte, ob er vielleicht ein wenig jobben dürfe, was man ihm unter Androhung sofortiger Ausweisung vehement untersagte. Obwohl er folgsam war, verwehrte man ihm fast 40 Jahre später die Einreise mit dem Hinweis, er habe schon einmal versucht, in den U.S.A. zu arbeiten. Gut, ich bin also einerseits erleichtert, andererseits aber offenbaren sich hier natürlich grosse Schwächen in der Dramaturgie. Erst der Einstieg in eine martialische Welt, einschüchternd wie Huntsville, ein Bordunton von Bedrohung liegt in der Luft, dann der scheinbare Klimax wegen des fehlenden Ohres, ein Handlungsstrang indes, der ins Nichts führt, und die Auflösung unpassend versöhnlich, ein belangloser Abgang. No problem. So wirkt die nervös fingertrommelnde Aufbewahrungszippe am Aus- bzw. Eingang letztlich absolut überbesetzt.
© Thomas C. Breuer Rottweil 26.04.2005