Cisalpino: In Schieflage
Mit dem Cisalpino fängt Italien bereits in Stuttgart an, Stoccardo Centrale, volle sechs Stunden vor Erreichen der Grenze. Der Pendelzug schnürt an den Bahnsteig, mit seiner gedrungenen Stirn und dem blau-grünen Band der Ferrovie Statale, und kaum haben einen die Türen, so sie denn problemlos aufgehen, passieren lassen, schon ist man in bella italia. Letzte Momente voller Leidenschaft, am Bahnsteig wie im Zug, nicht nur bei den Liebenden, sondern auch bei denjenigen, die Gepäck unterzubringen haben. Der zur Verfügung Stauraum ist keinesfalls ausreichend für Umzüge, auch wenn es viele Reisende immer wieder versuchen. Nicht nur ein vages Versprechen, no, no, Italien beginnt auf Gleis 7, binario sette a Stoccardo. Der Speisewagen präsentiert sich als eine rollende Lounge mit azurblauen Sitzgelegenheiten, anschmiegsam wie ein Kashmerepullover aus Piacenza, azzuro! Dazu die Ansagen des Restaurantbetreibers … Dies ist die wohl weltweit einzige Lokalität, wo zwischen der italienischen und deutschen Sprache kein nennenswerter Unterschied auszumachen ist. Richtigen Espresso servieren sie hier, capisce, wenn la macchina funktioniert, und die Kaffeesahne, die man natürlich nur bis Chiasso einschliesslich in denselben schütten darf (in Italien wird man dafür an die Stadtgrenze eskortiert), heisst panna caffè, obwohl von Bayernland produziert, und auf den herrlichen Plastikzuckersäckchen steht vielversprechend "Marr", es handelt sich um den Original-Italo-Zucker von Novarese Zuccheri, was glauben Sie? Sie bieten panino primavera an, primavera heisst bekanntlich Frühling, auch das ein Versprechen, die Hörnchen hat womöglich der Schwager von Gianna Nannini gebacken, höchst persönlich, bella Italia läuft zur Hochform auf, noch bevor wir an Stuttgart-Rohr vorbei röhren. Der A 81 hingegen, der Autobahn, die wir in unmittelbarer Nähe zum Breuningerland queren, eignet wenig südliches, von wegen autostrada del sole. So schlingere ich mit weit geöffnetem Herzen und in moderat mediterraner Stimmung in einen neuen Lebensentwurf. Ich bin dankbar für die Symbolik der Schieflage, mein Leben ist lange genug in geraden Bahnen verlaufen. Während ich überlege, dass es schon fast an ein Wunder grenzt, dass so ein durch und durch eleganter Zug, immerhin hat ihn Giugiaro entworfen, durch eine so profane Ansiedlung wie Epfendorf perlt, stellen sich die mitreisenden Italiener gegenseitig ihre neuesten Handytöne vor - so sie zufällig mal ins Netz gelangen. Oh ja, der CIS zieht ein Publikum an, das zu emotionalem Überschwang neigt und versorgt alle mit einer Dosis italianità, derer vor allen Dingen derjenige bedarf, der in Städten wie Tuttlingen oder Zug (Kanton Zug) den Zug wieder verlassen muss.
Die Bahn taugt eigentlich nicht für Aussteiger. Grenzenlose Freiheit verbindet sich kategorisch mit dem Auto, maximal dem Motorrad. Das hat mit der Dynamik zu tun: Im Auto liegt der Horizont vor einem, man bewegt sich sozusagen auf die Verheißung zu, im Zug erscheint sie eher beiläufig seitlich im Fenster. Leider taugt die Bahn auch nicht für Einsteiger, denn sie fährt längst, wie sie will. Damit nimmt sie allerdings den Süden schon vorweg: Zum Teufel mit den Fahrplänen, irgendwas fährt immer! Sie führt sämtliche Fahrpläne ad absurdum und erteilt uns so eine Lektion in mediterraner Lockerheit. Wäre das nicht die verkehrte Sprache in diesem Zusammenhang, könnte man sagen: Mañana!
Gut, es gibt Manki. Wortspiele mit "Schiss …" müssen gestattet sein, in ihrem Werbeprospekt sind sie sich ja auch nicht zu schade für den Satz "Wo die Zeit wie im Zuge vergeht …". Die Italiener scheinen eine ähnliche Politik wie die Deutschen zu verfolgen: Züge sollen Flugzeugen nacheifern. Beim CIS gaukeln die Deckenverkleidungen dahinter verborgene Sauerstoffmasken vor. Gott sei Dank bleibt der Zug am Boden; würde ein Flieger derart gottserbärmlich quietschen, wäre ich doch gelinde beunruhigt. Die Drucklufttüren niesen dazu, dffzäch-dffzäch, dafür können die Italiener nichts, denn die hat die Fa. IFE Door Systems in Waldhofen/Ybbs eingebaut. Die Sitze ächzen und stöhnen, über allem liegt dieser bedrohlich düsenartige Grundton, dazu das Knarzsurren der elektrisch betriebenen Sonnenblende, die alle drei Minuten der betätigt, der den Fensterplatz inne hat und mit seinem Ellenbogen so unausweichlich wie versehentlich an den Schalter gerät. Nein, der Zug hebt nicht ab, er ist aber stärkeren Schwankungen unterworfen als jeder Aktienindex, und mit etwas Glück kann der Reisende sogar seekrank werden, ohne den entsprechenden Cruise-Zuschlag entrichten zu müssen. Ein eiernder Klaustrophobie-Workshop, so fragil wie ich mich fühle, aber auf der Strecke gestrandet sind wir (bislang) noch nicht zusammen: "Como, wir haben ein Problem!" Die Toiletten verursachen zartbesaiteten Zeitgenossen Verstopfung, was insofern gut ist, da sie meistens selbst verstopft sind. Praktisch immer. Ergo unwahrscheinlich, dass sich die Silbe Cis von cistile ableitet: Blasenentzündung. Dafür die Wasserhähne: Sahel pur. Deshalb bleibt rätselhaft, warum sich der Boden wellt, als sei irgendwo eine verborgene Waschmaschine ausgelaufen. Die türkisenen Farbtöne verleihen dem Interieur etwas poolhaftes. Den Italienern sollte man das Zugbauen ebenso wenig überlassen wie den Holländern den Umgang mit Feuerwerkskörpern gestatten. Die Tische sind so hoch resp. die Sitze so tief, dass einem der Laptop quasi unter dem Kinn hängt. Die Sitze ein ergonomisches Verbrechen, für einen Menschen von 1,94 m eine Quälerei. Stört mich alles nicht, ich will mich eh von der preussischen Gründlichkeit weg orientieren, der CIS ist eine perfekte Lektion in Sachen Unperfektheit, die dem häufig helvetischen Personal ein Arbeitsfeld voller Überraschungen beschert. Das Bahnschweizerisch unterscheidet sich dabei vehement vom Bahndeutsch, aus "Die Fahrausweise, bitte!" wird "Alle Billette vorweisen", und deutsche Orte werden anders betont: Rott weil . Rätselhaft auch, warum die Schweizer stets vom Zugsteam sprechen, die Deutschen haben das S wohl wegrationalisiert. Es ist nicht so, dass die Deutschen keine Wunderlichkeiten zum Streckenverlauf beizutragen hätten, die häufige Eingleisigkeit beispielsweise. Selten, dass heutzutage Züge vom Kaliber ICE auf Gegenzüge warten müssen.
Im März 1998 hat man diesen Zug mit einigem Pomp am Hauptbahnhof Zürich vorgestellt und geprahlt, man könne damit 17 Minuten eher in Stuttgart sein. In Stuttgart? 17 Minuten? Wozu? Das ist erst sechs Jahre her, aber längst habe ich das Gefühl, wir seien schon ewig unterwegs, und so sieht er auch ein bisschen aus. Wir haben uns erst zusammenraufen müssen, der Cisalpino und ich, denn den Süden muss sich der Deutsche immer erst erarbeiten. Hier kann ich, zum Teufel mit den technischen Mängeln, mitschiffs schon mal ein bisschen Weltläufigkeit üben. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, Ballast kann man trotzdem los werden. Ach so, Landschaften gibt es ja auch noch, molto, Schaffhausen heisst hier Sciafusa, die herrliche Agglo Zürich, schnurr-schnurr, unerschrocken, kämpft sich der CIS durch das Urnerland, wo Schweizer Ingenieure, ich schwöre es, aus purem Übermut um die Kirche von Wassen drei Schleifen gelegt haben, die legendäre Triple-Volte. Und schon blicken wir in den Schlund des feuerspeienden Drachen, den Gottardo. Die wenigsten werden wissen, dass es Zugvögel gibt, die ihren Gattungsnamen wörtlich nehmen und nicht mehr über den Gotthard fliegen, sondern in Göschenen auf Güterzügen Platz nehmen und durch den Tunnel rauschen. Kein Scherz. Die können von Glück reden, dass auf der anderen Seite nicht gleich Italien anfängt, die hätten die Netze glatt über den Tunnelausgang gestülpt.
Schon bei Airolo werden die ersten Versprechungen eingelöst. Jetzt noch einmal Kaffeesahne in den Espresso gekippt, da kommen auch schon die Grenzgeschwader, die grauen Eminenzen und die uniformierten Finanzbeamten, und jetzt ist der Süden da, die Palmen, das Glitzern des Sees, das trutzige Gefängnis südlich von Como. Ich habe ihn richtig liebgewonnen im Laufe der Jahre, den Cisalpino, eine der letzten Herausforderungen der Zivilisation. Das letzte Abenteuer beginnt für den Anschlussreisenden in Milano Centrale, wenn er versucht, sich in einer Kaffeebar einen Caffè zum Mitnehmen zu bestellen. Ja, das ist eine andere Welt, und, nein, das Baden-Württemberg-Ticket ist auf dieser Strecke nicht gültig, wäre ja noch schöner!
© Thomas C. Breuer Rottweil 07.04.2004

