Centovallina - 80 Jahre
Den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung brachte die Centovallibahn zwar nicht, als sie 1923 eröffnet wurde. Dennoch zieht die Schmalspurbahn durch das "Tal der hundert Täler" jährlich Tausende von Touristen an, ebenso dient die Verbindung zwischen Locarno und Domodossola bzw. zwischen Gotthard und Simplon aber den Einheimischen. Kenner treten die Fahrt mit der Centovallibahn erst in Intragna an, aus der Ferne leicht am höchsten Campanile des Tessins auszumachen, und ersparen sich die unterirdische Erlebniswelt Locarnos. Zwar entgeht ihnen die imposante Stahlbrücke über den Isorno, aber vom Zug aus ist nur die Schlucht toll, die Brücke sieht man natürlich kaum. Stattdessen können sich Reisende hemmungslos an der erhabenen Schönheit der Toilettenlagen des Intragneser Bahnhofsrestaurants (Ristorante Stazione) erfreuen, einer Mischung aus Eisdiele und Pudelschlachterei. Der Lichtschalter setzt eine Big Band in Betrieb, die irgendwo im Verborgenen musizieren muss.
Dann aber, schlängel-schlängel, pflügt sich ein schnittiger, cremefarbener Triebwagen mit blauen Streifen das Centovalli hinauf. Komisch, dass der Zug keine Schlagseite hat, der Neigungswinkel ist extrem, als Reisender aus einem Land, in dem der Pendolino kläglich scheiterte, ist man derlei nicht gewohnt. Auch die Viaduktraserei nicht, die einem den Atem stocken lässt. Felswände, die einem immer näher auf die Pelle rücken; so dicht schabt man am Gebirge entlangt, dass man die Eidechsen von den Wänden klauben kann bzw. vom Beton, der diese Wände halbwegs zusammenhalten soll (so es sich denn nicht um hart gewordene Polenta handelt). Nie erschien der Hinweis "e péricoloso sporghersi" angebrachter, das ist keine Eisenbahnfahrt, sondern Canyoning vom Zug aus, was in der Schweiz die sicherere Wahl ist. Nicht von ungefähr thronen auf jeder zweiten Erhebung kleine Kapellen, wohl für den Fall, dass was schiefgeht. Die Bahn bewegt sich auf niedrigem Niveau, die Trasse führt konsequent unterhalb der Dörfer entlang, die Bahnhöfe stehen häufig im Nirgendwo, bis auf den von Palagnedra. Dort residierte einst die reiche Familie Mazzi, und da deren Mitglieder keine Lust verspürten, zur Bahn hinauf zu klettern, kam man ihnen und ihrem Reichtum entgegen. Von ihrem Geld haben sie einen riesigen Swimmingpool bauen lassen, den sie als Staudamm tarnen.
Der langhaarige Zugführer hat bei meiner letzten Fahrt vor Monatsfrist noch die Billette kontrolliert. Hat er seither seine Fortbildung erfolgreich abgeschlossen oder wechseln die sich nach dem Rotationsprinzip regelmässig ab? Der Zugbegleiter, ein blässlicher Geselle mit Brille, idealer Kontrapunkt zum leicht skilehrerhaften capotreno, fertigt den Zug souverän an jeder stazione ab und gibt dabei ein Pfeifsignal von sich, das nach verstimmter Blockflöte klingt. Anschliessend tippt er irgendwas in seinen Bordcomputer ein, Fahrgaststatistiken vielleicht oder ein paar Zeilen seiner packenden Biographie über das abwechslungsreiche Leben auf der Centovallina: "Helden der Schmalspur."(Die Rhätischen Bahnen liefern das!) Soeben werden die Berge schroffer, immer häufiger sieht man Nadelwald, den Akazien und Kastanien wird es zu ungemütlich. Auf der gegenüberliegenden Hangseite stehen Häuser, keine Ahnung, wie die dahin gekommen sein könnten, wahrscheinlich wurden sie abgeworfen. Überall wird gebaut, auf der Schweizer Seite liegt alles fein säuberlich gehäufelt bzw. gestapelt. Hier errichten sie Befestigungsanlagen im wahrsten Sinne des Wortes, um zu verhindern, dass die Strecke fortgespült wird wie bei den schrecklichen Unwettern in der 70er Jahren, die eine zweijährige Sperrung der Strecke zur Folge hatten. Auf manchen Brücken müssen Arbeiter mit dem Geländer Stehblues tanzen, um nicht vom mitreissenden Charme der Bahn nach Italien disloziert zu werden. Orangefarbene Männer gehen derweil auf den Hängen der liebsten Tessiner Freizeitbeschäftigung nach: Gräser mit Motorsensen flachzulegen.
In Camedo steigen Rucksackträger zu, Ciao brüllt es übers Terrain, weiter gehts, ein paar Weinberge, eine schnittige Bogenbrücke, dann wird's ernst: Dogana, Zoll - Ribellasca, Italia. Als erstes fällt das Ristorante Italico auf: Tea Room steht da ausserdem, mein Italienisch scheint doch besser zu sein, als vermutet. Graugekleidete Herren entern den Triebwagen, von dieser schlichten, unaufdringlichen Eleganz, die den Italiener auszeichnet. Perdone, nicht immer: Die albernen Uniformen der Schaffner sehen aus, als wären sie dem Kostümfundus einer privaten Fernsehanstalt entliehen. Aber, ach, diese faszinierende Leichtlebigkeit: Sie geben ihr Geld nun mal gerne für irdische Dinge aus, anderes wird daher konsequent vernachlässigt. Rost, Schmutz, verlassene Rustici, mit Efeu überwachsene Fernsehantennen, genau so wollen wir wohlorganisierten Deutschen Italien gerne sehen. In den Briefkasten am Bahnhof würde ich z.B. nur ungern etwas einwerfen wollen, er erweckt nicht den Eindruck, als wäre er in den letzten acht Jahren einer Leerung unterzogen worden. In Ribellasca steigt die Glutäugige vom Dienst zu, deren Antlitz man von den Kunstdrucken von Billigkaufhäusern zu kennen glaubt. Signora schiebt ein kleines Wägelchen vor sich her mit Montepulciano und Winzcamparis sowie div. Speränzchen wie Amarettini-Survivalpack oder Ciabatte mit Mortadella, quasi die Erstversorgung nach der entbehrungsreichen Fahrt durch das sinnenfeindliche svizzera.
Ab der Grenze ist alles anders: Die Bahngesellschaft heisst fortan SSIF und nicht mehr FART, der Zug Vigezzina, weil des Tal auch nicht mehr das Centovalli ist, sondern das Valle Vigezzo. Das wird jetzt noch enger, Schluchtenschluchzen, irgendwo in der Tiefe sieht man einen verrosteten Tank auf einer Felsnase über dem Melezzo, den wahrscheinlich Mussolini hat abwerfen lassen. Vor Melasca ziehen sich die Wände zurück, um Platz zu schaffen für hässliche Betonbrücken und noch abscheulichere Bettenburgen. Dieser Streckenabschnitt ist einer der wenigen auf italienischem Staatsgebiet, in dem das Halbtaxabo gilt, die schweizerische Bahncard. Merkwürdigerweise präsentierte sich das Tessin mit seiner mediterranen Vegetation und den hübschen Gebäuden in ocker, siena oder terracotta molto italienischer als das Original, wo mich allerlei alpines Brimborium an die Rocky Mountains erinnert, nicht zuletzt der wüsten Gebäude wegen. Leider scheint den Italienern dank ihres verschwenderischen Lebensstils das Geld für Architekten zu fehlen, d.h. Verschandelungskünstlern wird freie Entfaltung gelassen. Beschränkt die Baumeister, unbeschränkt die Bahnübergänge. Neonleuchten entromantisieren die Tunnels, die Baustellen sind Müllplätze, bis jetzt entpuppt sich Italien als eine Ansammlung von Gerümpel mit Wohnmöglichkeiten. Damit man nicht so genau hinsehen kann, nimmt der Zug Fahrt auf, tanzt Jitterbug auf den Schienen, 60 km/h sind keine Utopie, auch das ist Italien, das Verwegene, die Risikobereitschaft. In Maresco ist Markttag, vor der Snack Bar 100 Valli (wieso hier?) nehmen elegante Menschen Espressi zu sich. Wie ich sie beneide!
Ré ist ein Wallfahrtsort, der sich unter der mächtigen Basilika duckt, die sie irgendwann mal in einer Nacht- und Nebelaktion in Konstantinopel abgeschlagen haben müssen. Ins Lourdes des Vigezzotals fahren sogar Pilgersonderzüge, da würde mich natürlich interessieren, ob die ebenso Raucherabteile führen wie jene von Deutschland nach Lourdes. In Sta. Maria Maggiore pflegt man Après-Ski auch ohne Schnee, im Winter würde ich hier die Krise kriegen. Hier steigt ein älterer Herr zu, der sich schnurstracksamente ins Führerabteil, also auf die Kommandobrücke begibt und auf dem Platz neben dem capotreno Platz nimmt. Der Schaffner traut sich fortan nicht mehr rein und nimmt eher missmutig im 1. Klasse-Abteil Platz, wo er nervös seinen Kuli durch die Finger wirbeln lässt und schlagartig zu vereinsamen scheint. Damit nicht genug: bei Oresco-Gagnone muss er aus dem Zug hüpfen, um eine Weiche von Hand umzulegen (und bei Marone zum Basilikumpflücken für den Tomatensalat.) Wer aber mag dieser ältere cavaliere sein? Ein Lotse, der seinen Kollegen sicher durch das Meer von Baustellen geleiten soll? Der grosse, alte Mann der norditalienischen Schienenstränge? Der Kassenwart des örtlichen Vereins der Freunde der italienischen Oper?
Wir ruckeln durch Tunnelini, einer heisst z.B. "3 Prima Marone", sehr poetisch. Die Ausweichstellen häufen sich, in den Gegenzügen sitzen Leute grad wie wir. 800 000 nutzen die Querverbindung im Jahr. Einmal stoppen wir sogar auf einem toten Gleis, lassen den Diretto nach Locarno passieren, setzen zurück, ein orangener Jüngling biegt die Weiche um, das ist noch richtiges Bahnfahren, würde nicht wundern, wenn man uns gelegentlich aufforderte, selbst Hand anzulegen. Bei Marone der erste Blick ins Tal, auf Domodossola. Auf der gegenüberliegenden Seite ein mächtiger Steinbruch, ich vermag nicht zu erkennen, ob menschengemacht von Marmor-Magnaten oder von hundsgewöhnlichen Umweltschändern. Aus Marmor, praktisch, lassen sich auch prima Grabsteine anfertigen. Direkt daneben Steilhänge, so steil, dass Gemsen sich weigern, sie zu besteigen, wie Kollege Michael Schulte es auszudrücken beliebte, mit Häusern drauf, vielleicht ist das ja auch eine Sportart: Abenteuerwohning. Unten in der Schlucht Wanderer, ein Fotoblitz zuckt auf: Na, so schön finde ich diese Niederflur-Gelenkwagen nun auch wieder nicht. Die beiden Eisenbahngesellschaften bieten übrigens Nostalgiefahrten an in Waggons aus dem Jahre 1923, Reiseveranstalter schwärmen gar von Panoramafahrten, zwei Vokabeln, die mich generell abschrecken.
Der cremefarbene Tausendfüssler krabbelt behutsam abwärts, das Bremsvibrato kribbelt angenehm. Der Bahnhof von Trontano ist umstellt von Kapellen, Kirchen und Kreuzwegstationen. Ob hier der Papst vielleicht schon mal die Gleise abgeschleckt hat? Ich sehe Don Camillo vor mir, wie er hinter Peppone her eilt, mit fliegender Soutane, wild die Mistgabel schwenkend, kaum eine Kulisse wäre geeigneter. Ein Hauch von Süden, die alpinen Elemente verschwinden allmählich. Palmen, Sonnenkollektoren. Eine hinreissende Schuppentanne auf einer anmutigen Anhöhe bei Creggio, gefolgt von einem efeubewachsenen Campanile, der gut als Vorbild für den ultimativen Elfenbeinturm herhalten könnte. Üppige Vegetation. In Italien gibt es übrigens ein Gesetz über das Halten von fleischfressenden Pflanzen, und wenn eines der aggressiven Gewächse eingegangen ist, muss dies der Oberaufsicht der Försterei gemeldet werden. Jetzt ist der Tiefpunkt der Reise erreicht. Domodossola mag von weitem ziemlich wüst aussehen, aus der Nähe ist es abscheulich. Soll allerdings über die üblich bezaubernde Altstadt verfügen, wie es heisst. Um die 83 Brücken und 34 Tunnels (die Angaben verschiedener Anbieter variieren) liegen hinter mir, die Fahrzeit beträgt 90 Minuten. Am 25. November wird sie 80 Jahre alt. Congratulazione!
© Thomas C. Breuer Heidelberg 11.03.2003

