Caffe Trieste
Wer das gute, alte Italien in komprimierter Form erleben möchte, kann es sich natürlich einfach machen und in vier Stunden von München zur Grenze düsen. Was anderes ist es mit dem Caffè Trieste - da braucht man ein wenig länger. Dafür ist das Erlebnis intensiver, mehr italianità, allein die Hupkonzerte vor der Tür. Drinnen serviert man den Cappuccino in diesen wuchtigen, schokoladenbraunen Tassen. Und erst die Besetzung! Das Caffè Trieste ist nicht bloss ein schlichtes Kaffeehaus, sondern das Kaffeehaus als Aufführung, wenn man will, als opera buffa. Es ist recht klein, halb so gross wie eine Stretchlimousine, umso erstaunlicher, dass Pavarotti hier gesungen haben muss, denn überall hängen Fotos von seinem Be-such, die eindeutig hier aufgenommen wurden. Ob da überhaupt Platz war für an-dere ausser ihm und dem Photographen? Die Galerie an der Wand zeugt keineswegs von schierer Promigeilheit, hinter den Namen Burt Lancaster hat man vorsichtshal-ber "famous actor" geschrieben. Gut, die Namen sind nicht übel: Kerouac, der Beat-Poet kam er, der Dichter Ferlinghetti, aber dessen Buchhandlung City Lights liegt nun buchstäblich um die Ecke. Das Café ist so alt, dass auf halbvergilbten Fotos ein schlanker Francis Ford Coppola zu bestaunen ist. Da hängen aber auch Bilder der Nonna (Mamma Ida) mit Enkelkind neben Bill Cosby hinter der Espressomaschine - man fragt sich, wie er das geschafft hat - und wiederum daneben irgendwelche Leute, Gestalten wie du und ich, die keiner kennt, und schliesslich ein Mann mit einem Papagei, und eine kleine Zeile unter dem Foto erteilt bereitwillig Auskunft: "Papa Gianni singt ‚O sole mio' im Duett mit Pasha, dem Papagei." Papa Gianni ist nicht der einzige, der singt, die ganze Familie tritt häufig gemeinsam auf, nicht nur im Café, der verstorbene Sohn Gianfranco war sogar Berufsmusiker.
In der alten Rock-ola italienische Helden längst vergangener Tage, Dean Martin, Connie Francis, Francesco Sinatra, die Greatest Hits eines gewissen Carlo Buti. Die Telefonklingel tönt nach Original-Sechziger Jahren, sogar eine Telefonkabine gibt es, in der das Licht anspringen würde, wenn man die Türe zuzieht, so es denn funk-tionierte, und jeden Samstagvormittag kann man in der "Mattinata di Matteo" italienische Volkslieder hören, und nachmittags von eins bis fünf Oper. Frühzeitig sollte man da sein, um einen Platz im vorderen Teil der Schlange zu ergattern, wie erwähnt, ein winziger Laden, zwanzig Tische mit Tuchfühlung, was überrascht in der Heimat begehbarer Kleiderschränke. Schlauer ist es, Donnerstag- oder Freitag-nachmittag hereinzuschneien, dann hat man vielleicht das Glück, einer Probe teilhaftig zu gehen, oder auch, das ist ja nicht die Scala, das Pech, das kann sogar ein Opernignorant hören, aber letztlich ist das wurscht, es gibt, wie ein Jüngling zu seinen Eltern sagt: "Real music". Notenblätter über Stühle verstreut, überhaupt vibriert das Trieste, eine geschäftige Atmosphäre, ein Workshop. Manche tippen wie nicht gescheit in ihre i-books hinein, vorne am Eingang sitzt ein Asiate, der doch recht farbenfrohe Aquarelle anfertigt und um sein Leben zu pinseln scheint, und bei den anderen Gästen lässt nie sich voraussagen, wer als nächstes in Gesang ausbricht, gerade ist es der eher irischstämmig aussehende Enddreissiger mit dem lippenumzingelnden Bartwuchs, der neuerdings sogar bei Bluegrassmusikern zu beobachten ist, oder die Frau im "Canadian tuxedo", wie Amerikaner das nennen: Jeans und Jeansjacke. Wurde schon erwähnt, dass wir uns in Amerika befinden? Als Bühnenbild, keiner weiss, wieso, ein Motiv aus Sardinien aus dem Jahre 1957, daneben, und daran merkt man, dass doch nicht alles dem Zufall überlassen bleibt, eine Tafel, die für Petosa-Akkordeons wirbt, "the official accordion of Trieste music". Vielleicht ist das schon ein Markenzeichen. Es gibt nicht nur CDs auf dem hauseigenen Label, sondern auch ein Buch über die italieni-sche Musik von North Beach ("Mandolins, like Salami") Natürlich hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren einiges bewegt: Mehr Professionalität, weniger Einzig-artigkeit, es gibt nunmehr drei Filialen, dazu den Kaffeeversand per Mailorder, ein Plattenlabel, ein Plattenstudio, ein Motorradrennteam - das Stammhaus aber hat sich zumindest seit einem Dutzend Jahren kaum verändert.
Die ganze Stadt ist ja auffallend bemüht, dem Bild zu entsprechen, dass sich der Besucher vorher von ihr gemacht hat, trotzdem ist der Laden erfrischend normal geblieben, nicht nur von Touristen heimgesucht (vor allem Italiener scheinen nichts besseres zu tun zu haben, die Internationale der Goldkettchenträger), son-dern auch von Einheimischen, eine wunderbare Balance zwischen Touristenbums und Nachbarschaftstreff, ein paar Bohemians, ein paar Arbeiter auf einen kurzen Schwarzen zwischendurch, durchaus ein paar Gestalten, die unter "charmante Gauner" firmieren, Sopan und Soprano, das ging schon immer gut zusammen, die "Freunde der italienischen Oper", so manches Klischee wird durchaus bedient. Alles in allem eine persönliche Atmosphäre, in der viel geherzt und geküsst wird und Papa Gianni, der Padrone, jetzt ohne Papagei, manchen Gästen die Hand auf die Schulter legt, so sie denn sitzen, denn er ist nicht eben gross, und sie damit adelt. Ein Tipp noch: Den Cappuccino niemals "tall" bestellen, da wird man angeblafft, man sei hier nicht bei Starbucks.
Das Trieste, seit 1956 im Besitz der Familie Giotta, liegt im Zentrum von North Beach, dem italienischsten Viertel von San Francisco, 601 Vallejo, Ecke Grant Street. North Beach ist ein überschaubares Geviert, so übersichtlich, dass man Tou-risten bereits nach kurzer Zeit den Weg zeigen kann. Vor dem kleinen schwarzen am Morgen sollte man auf keinen Fall die wilden Papageienschwärme rund um den Coit Tower versäumen, über die es ein wunderbares Buch von Mark Bittner gibt, bisher leider nur auf Englisch: The wild parrots of Telegraph Hill. Daraus lässt sich mehr über die Stadt entnehmen als manchem Reiseführer. Den Autor trifft man nicht selten - im Trieste. Das kleine Café ist eine mediterrane Welt für sich, eine italienische Oase für den, der von Amerika eine Pause braucht. Und Chinatown liegt gleich um die Ecke.
© Thomas C. Breuer 16.02.2007 San Francisco
