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Reden wir Blech. Gäbe es eine Hitparade, wäre das meine Top Ten: LEO. OVI. HIP. GEO. GOA. HÖS. KYF. SOB. ÖHR. FEU.

Das sind keine böhmischen Dörfer, die Kürzel stehen für deutsche Kleinstädte, die sich seit etwa 2012 wieder ihren Platz auf deutschen KfZ-Kennzeichen zurückerobern konnten. Orte, die nach irgendwelchen Gebietsreformen in den Siebzigern von der Bildfläche verschwunden waren. Seit der Wiedereinführung kamen zu den 380 deutschen Nummernschildern noch etwa 250 neue alte hinzu. Muss man eigentlich kein grosses Buhei drum machen. Viele finden diesen Aktionismus überflüssig und denken, die Leute sollten sich mit essentielleren Dingen beschäftigen und ihr Geld sinnvoller ausgeben. Könnten sie durchaus, tun sie im Fall aber nicht – zum Glück. Denn seither erleben deutsche Autobahnen und Bundesstrassen ein Wiederaufflackern von Poesie und Exotik. Für viele Autofahrer gestaltet sich das Reisen abwechslungsreicher, plötzlich fühlt sich das Land grösser an, man durchquert neue Königreiche. Viele erinnern sich an die alte Bundesrepublik mit Konjäckchen, Sexkinos, Kölnisch Wasser, HB, Prügelstrafe oder Nato-Dop­pel­beschluss. Herrliche Zeiten, das! Auch Kinder sind auf langen Fahrten wieder beschäftigt mit Ratespielen oder dem Bilden ganzer Sätze: OCH NÖ EIN ALF. Kein WIZ, übrigens. Andere haben mehr Variationsmöglichkeiten, Bewohnern von Horb am Neckar eröffnet sich z. B. HOR-NY. Manch einem ist das wichtig, die Stuttgarter Serie S-EX war seinerzeit in Windeseile ausverkauft – warum auch immer. Auch der BH ist wieder auf der Strasse. Und mag es – kein Unglück – den Sender Freies Berlin nicht mehr geben – das Kürzel SFB feiert in der Stadt Senftleben fröhliche Urständ.

Viele Altkreise setzen sich auf ihre drei Buchstaben. Simple Blechschilder vermitteln verblassten Städten wie Diez, Monschau oder Hannoversch-Münden einen Hauch von Würde, sie sind im wahrsten Sinne des Wortes zurück auf der Landkarte. Damit erfährt auch der Altbürger eine Hebung des Selbstwertgefühls, blechgeadelt von Vater Staat, den das Ganze nichts kostet. Think globally, drive locally. Von Staats wegen spricht man natürlich gleich von einer Liberalisierung – so hoch muss man das gar nicht hängen. Artenvielfalt revi­sited. Tröstlich zu wissen, dass einige die Zeichen der Zeit erkannt haben, der Wunsch nach Verwurzelung, Heimat, Regionalität, kurz: Übersichtlichkeit, selbst wenn es auf den Strassen zunächst unübersichtlicher erscheint.

Natürlich gibt es auch Bewohner von Landkreisen, die die Tragweite dieser Ent­wicklung nicht abschätzen konnten. Manche wollten auch nicht ins Licht der Öffentlichkeit geraten: „Gott schütze uns vor Eis und Schnee, vor SLS und OTW“, hiess es lange bei den Anrainern der Hunsrückhöhenstrasse. An OTW – Ottweiler im Saarland – erinnert sich kein Mensch mehr , aber plötzlich ist WIT ebenso wieder da wie WAT oder WAN. Ich freue mich über alle Neuzugänge.

© Thomas C. Breuer Rottweil
7.2.2016 - 00:00